Schweigen, zuhören, gestehen

Kein Sterbenswort

„Wie ist es gelaufen“, fragt Franks Freundin. Und Frank sagt: „Ganz gut“. Eben hat der Arzt ihm gesagt, dass der Hautkrebs zurück ist. Frank, fünffacher Vater, 47 Jahre alt, glücklich, wird sterben. Doch das verrät er niemandem.
Dummy · 10 Minuten · Alex Raack

Frau Leppin und ihre Kinder

Eine Mutter mit 1,9 Promille, ein Vater der sagt, ja, er schlage seine Kinder. Für Steffi Leppin, Fallmanagerin im Jugendamt Rostock, ist das Alltag. Ein Alltag, der sie manchmal überfordert, dabei soll sie für die Überforderten da sein.
Stern · 15 Minuten · Josef Saller

Ich möchte für das Schlechte stehen

Christoph quälen monatelang Schmerzen. Er geht nicht mehr arbeiten, nicht mehr zur Uni. Er denkt: Männer sind hart, Männer reißen sich zusammen. Doch dann gesteht er sich ein: Ich bin depressiv. Ein intimer Einblick über ein Tabuthema.
Vice · 25 Minuten · Christoph Schattleitner

Satz der Woche

»Liebeskummer fühlt sich mit 36 genauso an wie mit 16. Gleiches Herz. Gleicher Kummer.«
Michèle Loetzner im SZ-Magazin

Wie haben Sie das gemacht?

Wie sind Sie auf Marina König und ihre Geschichte gestoßen?
Marina König ist Erzieherin in der Kita, die meine Tochter besucht. Irgendwann habe ich gefragt, wie lange sie schon da arbeitet. Sie sagte: Seit 1975. Und ich: Echt? Seit 1975?

Warum entschieden Sie, die Geschichte als Protokoll-Reportage aufzuschreiben?
Mit dieser Entscheidung habe ich lange gehadert. Zuerst war es ein Fließtext, aber auch keine echte Reportage, weil ich kaum eigene starke, beobachtete Szenen hatte. Der Text lebte von dem, was Marina König mir erzählt hatte. Sie sprechen zu lassen, war gewissermaßen konsequent. Trotzdem habe ich, haben wir auch im Team hin- und herüberlegt, Mischformen ausprobiert. Die Mehr-Berlin-Chefs, Katja Füchsel und Sidney Gennies, haben mich ermutigt, die Protokollform zu wählen.

Wie viel Material haben Sie gesammelt, um daraus eine Protokoll-Reportage der Erziehung und Familienpolitik anhand von Marina Königs Lebensweg zu schreiben? Wie viele Treffen brauchten Sie, um eine ganze Lebensgeschichte aufschreiben zu können?
Wir haben uns viermal in Ruhe zusammengesetzt, über einen Zeitraum von zwei oder drei Monaten. Marina hat zahlreiche Fotos mitgebracht. Gesehen haben wir uns aber fast täglich, beim Bringen und Abholen. Das lief dann so: „Guten Morgen, ich habe noch eine Nachfrage“, „Mir ist da noch was eingefallen“, „Warte mal, ich habe noch was gefunden…“ Das war großartig. Auch darum liebe ich Geschichten, die buchstäblich auf dem Weg liegen.

Behandelten Sie das Protokoll wie ein Interview, heißt: Haben Sie den Text zum Autorisieren gegeben?
Ja, der Text ist ja quasi ein einziges Zitat. Ich habe ihn Marina vor der Veröffentlichung gezeigt. Sie hatte keine Änderungswünsche – ihr ist beim Lesen bloß noch mehr eingefallen.

Ist die Protokoll-Reportage eine Form, die Sie in Zukunft gern häufiger verwenden oder auch lesen möchten? Wofür ist sie besonders geeignet?
Es wäre gelogen, wenn ich sagen würde ja. Wenn ich Reportagen von anderen lese, möchte ich mir manchmal einzelne Sätze ausschneiden, die ich wunderbar gedacht und formuliert, poetisch finde. Die sind in Protokollen eher selten. Marina König aber hat so authentisch, so eindrücklich erzählt, dass nicht viel hinzuzufügen war. Manchmal muss ein Autor vielleicht komplett in den Hintergrund treten, um seine Protagonisten strahlen zu lassen.

Maris Hubschmid ist Redakteurin und Reporterin beim „Tagesspiegel“ und arbeitet für die Seite Drei und das Samstagsmagazin Mehr Berlin.