Wie haben Sie das gemacht, Rudi Novotny?

Acht Jahre hat Rudi Novotny das trans Mädchen Ella auf ihrem Weg begleitet. Sie war 13, als er sie zum ersten Mal traf und begleitete sie in glücklichen und verzweifelten Momenten. Heute ist Ella eine erwachsene Frau. Die Zeit-Magazin-Reportage „Ich will eine normale Frau sein. Einfach so“, war vor einiger Zeit unsere Reportage der Woche. Wie haben Sie das gemacht, Rudi Novotny?

Autor Rudi Novotny, Berlin 2018

Du hast deine Protagonistin Ella vor acht Jahren zum ersten Mal getroffen und seitdem begleitet. Wie kam damals der Kontakt zustande?

Ich bin in der Nähe von Ellas Heimatdorf bei Freiburg aufgewachsen, wo sie im Chor eines Freundes von mir sang. Eines Tages rief er mich an und erzählte mir in badischem Dialekt: „Du, ich hab da was ganz verrücktes! Ä Junge, der will ä Maidle sein!“ Ich war damals beruflich wie privat noch recht ungebunden, deshalb beschloss ich, Ella und ihre Mutter einfach mal kennenzulernen.

War es schwer, Nähe zu Ella herzustellen?

Ella war zwar von Anfang an bei der Geschichte dabei, war mir gegenüber aber zurückhaltend. Ich traf Ella und ihre Mutter Sybille, kam da also als Mann in eine Welt von Frauen. 

Was war die Lösung?

Ich hatte mit Anne Morgenstern eine fantastische Fotografin bei mir. Speziell anfangs hatte sie den besseren Draht zu Ella, hat sogar bei ihr und Sybille übernachtet, während ich abends zu meiner Mutter ins Nachbardorf gefahren bin. Diese Distanz wollte ich wahren. Gemeinsam mit Anne habe ich mir dann einen Zugang erarbeitet – durch viele Treffen und auch durch eine gewisse Komik im Zusammenspiel mit Anne, die ein ganz anderer Charakter ist als ich, viel direkter, viel salopper.

Und dann war das Vertrauen da?

Die Leute unterschätzen, wie schnell es geht, dass Protagonist:innen dich als Reporter vergessen. Wenn ich mit Ella und ihren Freundinnen ausgegangen bin, hatten die gar kein Interesse an mir. Die wollten Jungs kennenlernen und feiern und ich bin einfach mitgelaufen. Das war manchmal awkward, aber im Grunde war ich einfach die Fliege an der Wand.

Und doch warst du auch bei den ganz großen Ereignissen in Ellas Leben dabei, etwa ihrer OP zur Geschlechtsangleichung. 

Anne Morgenstern hat Ella jedes halbe Jahr getroffen. Irgendwann meinte sie zu mir, wie krass es sei, dass die Mädchen ganz anders seien, wenn man sie ohne Eltern treffe. Danach habe ich die Initiative ergriffen und Ella gebeten, mir Bescheid zu geben, wenn Events anstehen, die ich begleiten könnte. Wenn sie nach Freiburg fuhr oder an den Baggersee zum Beispiel. Und bei der OP wollte sie mich dann auch dringend dabeihaben. Wo anfangs noch in erster Linie Sybille meine Ansprechpartnerin war, wurde ich Ella irgendwann zum Weggefährten, wie sie es einmal sehr schön nannte.

Vor acht Jahren war die Thematik Transgeschlechtlichkeit medial lange nicht so breit abgedeckt wie heute. Woher der Anreiz, daraus eine so groß angelegte Reportage zu machen?

In den Augen mancher Leute, die damals mit mir zusammen arbeiteten, war das sicher eine Freak-Geschichte, bei der auch nicht klar war, in welches  Ressort sie passt – so bin ich dann beim Zeit Magazin gelandet. Dort stand schnell fest, dass wir Ella so lange begleiten müssen, bis die lang herbeigesehnte OP ansteht. 

Das klingt anstrengend.

Ich habe den Plan mehrfach verflucht. 

Gab es da einen besonderen Frustmoment?

Als Ella etwa 15 war, hat sie ein Schüler:innenpraktikum bei einer Kosmetikfirma gemacht, für das sie das erste Mal von Zuhause weggegangen ist. Davon haben mir Sybille und sie aber nichts erzählt. Darüber habe ich mich zunächst aufgeregt. In einer solchen Coming-of-Age Geschichte brauchen wir doch den Moment, in dem unsere Protagonistin zum ersten Mal allein lebt! Da hätte ich fast abgebrochen, wenn meine Fotografin und der betreuende Redakteur nicht auf mich eingeredet hätten.

Hast du mal am ganzen Projekt gezweifelt?

Etwa ein Jahr vor Veröffentlichung habe ich noch zu Ella und ihrer Mutter Sybille gesagt, dass ich die Geschichte nicht gemacht hätte, wenn ich gewusst hätte, wie viele Geschichten über Transgeschlechtlichkeit in der Zwischenzeit rauskommen würden.

Wie haben die beiden reagiert?

Sybille hatte ein besseres Gespür als ich. Sie sagte damals schon, dass die Geschichte um Ella, eine ganz andere ist: Keine typische Queer-Geschichte, keine Großstadtgeschichte, sondern eben das, was geschätzt 70 Prozent der trans Personen in Deutschland erleben.

Nämlich?

Ella ist eine binäre Person, sie versteht sich nicht als queer oder politisch. Das ist natürlich auch ein absurder Twist der Geschichte: Dass alle Protagonist:innen, die anfangs für Ellas Zwecke kämpfen, sich von der zunehmenden gesellschaftlichen und medialen Debatte eher überrannt gefühlt haben.

Wie organisiert man eine solche Monsterrecherche, ohne den Überblick zu verlieren?

Am Ende hatte ich zehn Blöcke voll mit chronologisch angefertigten Notizen, außerdem Whats-App-Chats und Emails inklusive vieler Dokumente und Fotos. Dass die OP-Szene der Einstieg werden sollte, war mir von vornherein klar. Auf den langen Fahrten nach Süddeutschland habe ich mir aufgeschrieben, was ich aus dem Besuch mitnehmen will, was ich von meinen Protagonist:innen wissen möchte.

Hast du Ella und ihre Freundinnen auch in den Prozess eingebunden?

Wenn wir uns getroffen haben, wenn die Mädchen feiern gehen wollten, haben wir uns zunächst hingesetzt und geredet. Später stand ich dann neben ihnen, während sie sich fertig gemacht haben und habe die Dialoge protokolliert. Hier und da habe ich auch mal ein Video gemacht oder die Songs im Club shazamed, weil ich nicht jeden Pitbull-Song kenne.

Wie hat Ellas Umfeld die Veröffentlichung der Geschichte aufgenommen?

Vom Lehrpersonal hat sie ermutigende Reaktionen erhalten, ein Lehrer hat ihr eine Mail geschrieben und sich ihr gegenüber als schwul geoutet. Nur ihre Oma war frustriert darüber, dass ihre Position im Text nicht ausreichend gewürdigt wurde. Doch die hatte sich im Laufe der Jahre verändert und so schreibe ich auch darüber. Trotzdem hat dieser Frust Ella auch getroffen. 

Und das Internet?

Am Tag nach der Veröffentlichung hat Ella ihr Handy im Club verloren. Ganz locker meinte sie zu mir, sie wisse gar nicht, ob es jetzt Glück oder Pech sei, dass sie die Reaktionen nicht mitbekomme.

Warum?

Auf Facebook gab es auch einige beleidigende Kommentare. Das klingt vielleicht seltsam, aber wir haben versucht, Ella in den sozialen Medien abzuschirmen, der Text war auch immer hinter der Aboschranke und wäre offline genommen worden, wenn es total eskaliert wäre.

Ist Ella also zufrieden?

Insgesamt ist Ella sehr glücklich mit der Geschichte. Ich hatte ihr natürlich versichert, nichts zu veröffentlichen, was irgendwie kompromittierend verwendet werden könnte. In all den Jahren hat sie aber nie  eingegriffen, ich habe sie an keiner Stelle geschont. 

Hatte sie denn Angst vor dem, was kommen würde?

Drei Wochen vor der Veröffentlichung sortierte sie die Bilder der Fotografin und hatte kurz Zweifel. Letztendlich meinte sie aber: „Wenn mich dafür jetzt Leute hassen, dann sollen sie halt, aber ich kann zu allem stehen – zu allem Guten als auch Schlechten im Text.“ Sie fand sich in einigen Szenen auch nicht unbedingt sympathisch. Aber das würde wohl kaum wem anders gehen.

Rudi Novotny ist stellvertretender Ressortleiter im Wissen-Ressort der ZEIT. Zuvor absolvierte er die Deutsche Journalistenschule. Den anschließenden Bachelor in International Relations machte er an der University of Essex, einen Master an der Hertie School of Governance. Über das Magazin der Frankfurter Rundschau und die Seite Drei / das Magazin der Berliner Zeitung kam er 2014 ins Chancen-Ressort der ZEIT.