Wochenauswahl 16.8.19

Die Journalistin Christine Kensche hat einen berüchtigten Clan-Boss besucht.

Clan-Chefs haben in der Regel keinen Pressesprecher, wie kam der Kontakt zustande? 

Ich habe Issa Rammos Handynummer über Kontakte bekommen, die nicht genannt werden wollten. Während ich ihn anrief, dachte ich darüber nach, was ich sage, wenn er mich fragt, woher ich seine Nummer habe. Aber das hat ihn überhaupt nicht gewundert; er legte gleich los und regte sich über den Staatsanwalt auf, der einen seiner Söhne wegen Mordes angeklagt hatte (er wurde vor Kurzem freigesprochen) – und über die Presse, die über seinen Ausfall gegen den Staatsanwalt bei der Urteilsverkündung berichtet hatte. In einem zweiten Telefonat stimmte er dann einem Treffen zu und lud mich zu sich nach Hause ein – nannte allerdings nicht seine Adresse. Er scheint davon auszugehen, dass eh jeder weiß, wo er residiert.

Im Gespräch wirkt Issa Remmo sehr mitteilsam. Warum sucht er Ihrer Meinung nach die Öffentlichkeit?

Zum einen habe ich ihn so lange genervt, bis er »Ja« sagte. Aber das wichtigere Motiv war wohl, dass er gerade ein Momentum hatte: Sein Sohn wurde, trotz einiger Indizien gegen ihn, freigesprochen. Issa Rammo ist unheimlich erleichtert darüber. Anfangs wurde sogar gegen ihn selbst ermittelt, weil ein Informant der Polizei gesagt hatte, dass der Vater seine Söhne mit dem Mord an einem anderen Clanmitglied beauftragt hatte. Dafür fanden sie allerdings keine Beweise. Das ist natürlich ein Triumph für ihn: Seht her, meine Söhne und ich werden immer als kriminell dargestellt, dabei sind wir unschuldig, jetzt sogar offiziell, durch Richterspruch. Er fühlt sich von Medien und Staatsanwalt ungerecht behandelt. Issa Rammo sieht sich selbst als guten Menschen und treu sorgenden Familienvater – die Bezeichnung Clanchef weist er vehement von sich. Ich denke, er wollte die Gunst der Stunde nutzen, um sein öffentliches Image aufzubessern.

Das Gespräch schwankt zwischen Geplauder, angespannten Momenten und durchsichtigen Inszenierungen – und das alles inmitten eines deutschen Spießergartens. Wie haben Sie die Gesprächssituation erlebt?

Als sehr skurril. Die Gartenzwerge, die bunten Glasskulpturen und der automatische Rasenmäher – das ist tatsächlich viel mehr Spießer als Scarface. Seine Villa hatte ich mir luxuriöser vorgestellt, auch wenn ich aus Polizeiberichten von Hausdurchsuchungen weiß, dass es bei den Clans innen meist weniger glänzt als außen. Rammo hat mich durch seinen Keller geführt. Die alten Mauern hat er selbst verputzt und die Fugen mit Ziersteinen dekoriert; lila, rot, grün funkelnde Steinchen, einige in Herzform, dazwischen eine kleine Engels- und eine Jesusfigur. Die habe er alle vom Flohmarkt, sagte er, Steine sammeln sei sein Hobby. Rammo erzählte das stolz wie ein kleiner Junge, der sein Panini-Album präsentiert – es war der einzige Moment, in dem er völlig authentisch auf mich wirkte.

Die Remmos gelten als gefährlich. Wie recherchiert man in ihrem Umfeld und bleibt dabei selbst sicher?

Meine Redaktion bestand zunächst darauf, dass ich einen männlichen Fotografen zu dem Gespräch mitnehme, aber aus früheren Besuchen im Clanmilieu wusste ich, dass die Situation entspannter ist, wenn ich als Frau alleine oder in weiblicher Begleitung auftrete. Das Testosteronlevel sinkt sofort. Ich habe mit der Fotografin Marlene Gawrisch zusammengearbeitet, die solche Situationen tiefenentspannt meistert. Rammo hat uns als erstes gefragt, ob wir Mütter seien, und als eine von uns bejahte, war das Eis gebrochen. Issa Rammo war ein höflicher Gastgeber. Das Nachspiel ist ein anderes. Rammo ist sehr unzufrieden mit dem Text; findet zwar, dass ich ihn richtig zitiere – aber die Einordnungen seiner Aussagen passen ihm nicht. Ich kriege gelegentlich Drohanrufe und -nachrichten, doch die bringen mich nicht um den Schlaf. Staatsanwälte, Polizisten und Leute in dem Umfeld selbst leben gefährlicher als ich. Momentan schreibe ich ein Buch zusammen mit einem Clan-Aussteiger. Ich habe ihm geraten, das unter anderem Namen zu machen.

Sie haben sich entschieden, kein Wortlautinterview, sondern einen durchgeschriebenen Text aus dem Gespräch zu machen. Warum?

Die Situation und das Drumherum war einfach zu speziell, in Interviewform hätte ich das nicht darstellen können. Ein „Rammo lacht“ in Klammern hinter den Antworten hätte nicht ausgereicht (ausserdem finde ich Klammern in Interviews bescheuert). Ich schreibe auch extrem selten Ich-Texte, weil ich das „Ich“ in 98 Prozent der Fälle verzichtbar finde und die Geschichte meiner Gesprächspartner zu 100 Prozent spannender als meine eigene. Hier allerdings musste ich darauf zurückgreifen, eben weil Rammo mich immer wieder direkt ansprach, von Anfang an mit mir verhandeln wollte und mal mehr, öfter weniger subtil versuchte, mich auf seine Seite zu ziehen. Das schien mir so bezeichnend für sein Handeln und seine Denkweise, dass ich diese Ebene einbringen wollte. Deswegen ein durchgeschriebener Text. Zumal ich seine Aussagen nicht einfach ungeprüft stehen lassen wollte. Das gilt auch für andere Interviewpartner, aber da kann man meist mit kritischen Nachfragen einordnen; hier bedurfte es einer ausführlicheren Erklärung.