Wochenauswahl 17.10.2019

Unfair Play

Ein kleiner spanischer Fußballverein, der plötzlich in der ersten Liga gegen Real Madrid kickt. Ein dubioser Sportvermarkter aus China, der sich in deutsche Fußballvereine einkauft. Bestechungen und Betrug machen es möglich. Es ist ein Billionengeschäft.

Ibrahim Naber, Tim Röhn · Welt (€) · 30 Minuten

Sarahs Karawane

Sarah Braun ist 28 und hat ALS, Amyotrophe Lateralsklerose. Ihre Arme und Beine kann sie nicht mehr bewegen. Sprechen ist schwierig, das Abenteuer, das sie wagen will, vielleicht noch schwieriger: mit einer Gruppe Freunden will sie die Dolomiten überqueren – im Rollstuhl.

Protokoll: Lisa Frieda Cossham · Die Zeit (€) · 30 Minuten

Wie Europa geflüchtete Kinder einsperrt

Wer ohne gültige Papiere in Brandenburg aus dem Flugzeug steigt und um Asyl bittet, muss warten. Tage, manchmal Wochen oder Monate. Man kommt dazu in ein vergittertes Haus, das wie ein Gefängnis wirkt, aber nicht so heißt. Vor allem Kinder leiden darunter.

Nico Schmidt · Tagesspiegel · 15 Minuten

 Satz der Woche 

„Wurdest du oft geschlagen?“, frage ich.
„Ich wurde schon mal zu Boden gebracht.“
„Wie ist das?“
„Bodenartig.“

Aus „Diese Kinder sind Krieger – Eindrücke aus Kinderpsychatrie“ von Arnon Grünberg, erschienen in der taz

Als beste Wissenschaftsreporter beim Reporterpreis 2019 wurde „Wunschdenken” aus dem SZ-Magazin ausgezeichnet. Darin geht es um den vermeintlichen „Gedankenleser“ Dr. Birbaumer, der behauptete, mit Locked-In-Patienten kommunizieren zu können, vollständig gelähmten Menschen, die bei Bewusstsein sind, aber nicht einmal die Augenlider bewegen können. Doch es gab Zweifel an diesem Wunder, die lange ignoriert wurden – von ihnen erzählen Patrick Bauer, Patrick Illinger und Till Krause. Das Gespräch führte Niclas Seydack.

Über den vermeintlichen “Gedankenleser” Professor Niels Birbaumer wurde vor Ihrer Recherche in deutschen und internationalen Medien berichtet, in Interviews und Reportagen. Ein Wunder, hieß es dort. Wieso haben Sie gezweifelt?

Till Krause: Ende 2018 präsentierte ich beim Jahrestreffen des Chaos Computer Clubs unsere Fake-Science-Recherche, wo es um das große Geschäft mit zweifelhaften wissenschaftlichen Publikationen ging. Danach kam ein Forscher auf mich zu. Er sagte: “Bei uns gibt es auch zweifelhafte Wissenschaft.” Über ihn kam der Kontakt zu Whistleblower Spüler zustande. Der schickte mir seinen Aufsatz, in der er die Argumente Birbaumers, des vermeintlichen “Gedankenlesers” anzweifelt. Und mir war klar: Da steckt eine Geschichte drin! Allein, dass die Betroffenen, die Locked-In-Patienten, nicht widersprechen können, sich nicht wehren können.

Ihre Reportage beginnt mit einem Besuch bei einem betroffenen Ehepaar. Wieso haben Sie sich für den Einstieg mit Gefühl entschieden?

Patrick Bauer: Der Einstieg sollte zeigen, was es heißt, mit dem Locked-In-Syndrom zu leben. Wie es ist, als Angehöriger nicht mehr mit einem geliebten Angehörigen kommunizieren zu können – und wie ein Wissenschaftler Hoffnung macht. Deshalb haben wir mit der Beziehung von Birbaumer zum Ehepaar Faehnrich angefangen.
Krause: Sicher, wir hätten die Geschichte auch mit dem Whistleblower Martin Spüler beginnen können. Aber das wäre dem Thema nicht gerecht geworden. Spüler hat als Erster genau hingeguckt, er hat gesehen: Da ist was faul. Da wäre natürlich der erste Impuls, die Dinge und ihn heldenhaft zu überhöhen. Aber genau das wollten wir nicht. Denn so eine Überhöhung war bei Birbaumer zu beobachten, er wurde fast messiashaft beschrieben: Der Mann, der Wahrnehmung zurückbringen kann – und damit auch das Menschsein.
Bauer: Er war für jeden Reporter ein interessanter Protagonist…
Krause: Birbaumer haut eine Anekdote nach der nächsten raus. Er ist gesellig, leutselig, er kann reden. Man hört ihm gerne zu.
Bauer: Und es gab diese Halleffekte. Wenn ein Qualitätsmedium darüber berichtet, berichteten wiederum andere über seine Forschung: “Selbst der Guardian und die New York Times waren begeistert”, so in der Art. Obwohl keiner dieser Journalisten dabei war.

Jeder von Ihnen hätte die Geschichte auch alleine stemmen können. Wieso arbeiteten Sie im Team?

Krause: Wir, also Patrick Bauer und ich, brauchten für diese Geschichte zusätzliche wissenschaftliche Expertise, das war uns klar. Deshalb sind wir auf Patrick Illinger aus dem Wissen-Ressort zugegangen.
Patrick Illinger: Ich hörte mich in der Fachwelt um, bei Experten, die auf diesem Gebiet forschen, denBrain Computer Interfaces (BCI), also Hirnkappen, mit denen Forscher in Gehirne blicken. Die Top-Forscher auf diesem Gebiet wurden direkt schmallippig, als ich sie auf Birbaumer und seinen vermeintlichen Erfolg mit CLIS-Patienten ansprach. Alle Befragten, die selbst auf genau diesem Gebiet arbeiten, haben sich enorm kritisch geäußert. Da wusste ich: Wir sind auf dem Gleis. Aber bis heute erschüttert es mich, dass das Wissenschaftssystem von dem Fall wusste und niemand etwas gesagt hat.

Es möchte keiner der Nestbeschmutzer sein?

Illinger: Es gibt die Befürchtung, dass so ein Fall dazu führt, dass insgesamt weniger Geld in die BCI-Forschung fließt. Auch deshalb wollte niemand namentlich dazu stehen. Ich saß stundenlang mit wirklich bekannten Forschenden zusammen, die mir die Kritik Spülers bestätigt haben. Leider wollte fast keiner mit Namen dazu stehen. 

Eine unabhängige Kommission der Universität Tübingen hat im Anschluss an Ihre Recherche Birnbaumers “wissenschaftliches Fehlverhalten” bestätigt:  Die Deutsche Forschungsgemeinschaft sperrte ihm für fünf Jahre jegliche Fördermittel. Freut Sie das?

Illinger: Uns ging es niemals darum, jemanden wie Birbaumer einen Sticker aufzukleben: Lügner, Scharlatan, Verbrecher oder sowas. Deshalb ist uns Schadenfreude auch völlig fremd.
Bauer: Mir tut es für die Betroffenen leid. Sie sehen den Mann an den Pranger gestellt, der für sie Hoffnung bedeutete. Und auch für Birnbaumer tut es mir rein menschlich leid: Bei allen Verfehlungen in dieser Sache bedeuten diese Bestätigungen unserer Recherche einen massiven Schaden für sein Lebenswerk als Forscher.
Krause: Deshalb war es uns wichtig, im Text zu betonen, dass Birbaumer auf eine große Karriere zurückschaut – die ihm unbenommen bleiben soll.
Illinger: Das hat mich auch besonders gefreut, als wir den Reporterpreis bekommen haben: In der Laudatio hieß es ausdrücklich, der Text sei auch deshalb preiswürdig, weil wir niemanden in die Pfanne gehauen haben. So ist es: Wir sind keine Gerichtsreporter, die die menschlichen Abgründe von Schwerverbrechern interessieren. Wir haben versucht, alle Beteiligten fair zu behandeln: Die Angehörigen, die der Methode glaubten. Den Whistleblower Spüler, den wir eben nicht als Held darstellen. Und Birbaumer, dessen Lebenswerk wir herausstellen, aber der sich an etwas festgebissen hat, wofür er keinen wissenschaftlichen Beweis hat.

Wie haben Sie die Recherche zu dritt organisiert?

Illinger: Till hatte den Kontakt zum Whistleblower. Patrick hat die Patienten vor Ort besucht und sich um die Struktur der Geschichte gekümmert. Ich hatte den Kontakt in die Fachwelt. Die Aufteilung war angenehm klar.
Bauer: Ich bin absolut überzeugt von solchen Gruppenarbeiten. Bei Recherchen solchen Umfangs und solcher Komplexität will ich mir gar nicht mehr vorstellen, alleine unterwegs zu sein. Es tut gut, sich gegenseitig zu überprüfen: Wo stehen wir, was brauchen wir?
Krause: Lassen wir zu schnelle Schlüsse zu? Sind wir zu euphorisch oder komplett auf dem Holzweg? Ich bin vollends überzeugt davon, Teams zusammenzustellen, um Recherchen durchzuziehen. Bei solchen komplexen Themen ist die Zeit der journalistischen Einzelkämpfer vorbei. Ich erinnere mich an das erste Treffen mit Spüler, da sind wir zu dritt hingefahren…
Illinger: …in diesem winzigen Thai-Imbiss neben Reifenhändler und Baumärkten! Ich bin seit 17 Jahren Ressortleiter, also im Wesentlichen Bürokrat. Für mich war es wahnsinnig schön, mal wieder als Reporter auf die Straße zu gehen!