Leben, Sterben, Wüten

Drei von 140 Millionen

Jedes Jahr werden auf der Welt 140 Millionen Kinder geboren. Was passiert, wenn man drei Neugeborene auf der Erdteilen begleitet? Man erkennt, was Menschen über alle Grenzen hinweg trennt – und was sie eint.

Amrai Coen, Malte Henk, Henning Sußebach · Die Zeit · 45 Minuten (€)


Die unendlich lange Dauer eines Augenblicks

Vor zehn Jahren erschoss ein Polizist in Athen einen 15-jährigen Jungen. Seither bricht der Mord die Verhältnisse in Griechenland auf eine Frage runter: Tötet das Land seine Kinder oder zerstören die Kinder das Land?

Mareike Nieberding · SZ-Magazin · 30 Minuten (€)

Alternativ auf Blendle lesen

 

Maos Schläger aus Berlin-Neukölln

Sie heißen Patrick, David, Malte oder Johannes. Sie hassen Israel. Und sie attackieren all jene, die das anders sehen. Die Männer gehören zu einer bisher kaum bekannten linken Politsekte: dem Jugendwiderstand.

Maja Friedrich und Jan Werkender (Pseudonyme) · Tagesspiegel · 15 Minuten

 

Satz der Woche:

„Es bedeutet so viel wie: »Wir machen einfach weiter!« Sie lächelt keinen Punkt. Sie lächelt ein Ausrufezeichen.“

Barbara Hardinghaus im Spiegel über Frauke Petrys Lächeln

 

In Deutschland wird gestritten, was das sein soll: ein „sicheres Herkunftsland“ wie Albanien. Sie haben für die TAZ die Geschichte „Eine von 962“ über Fllanxa Murra geschrieben. Kamen Sie von der Debatte auf die Geschichte oder von ihrer Geschichte auf die Debatte?
Die Debatte um sogenannte „sichere Herkunftsländer“ verfolge ich schon länger, meistens mit Fragen, oftmals mit Unverständnis. Denn es ist mir – wenn man Asyl als Menschenrecht betrachtet – unbegreiflich, wie man über Einzelschicksale von Menschen anhand von pauschalen Gesetzen entscheiden will. Der Fall von Fllanxa Murra zeigt gewissermaßen die Perfidität dieser politischen Regulation. Als ich die Pressemitteilung des Queer Refugees Network zu ihrem Fall dann gelesen habe, wurde mir schnell klar, dass diese Geschichte exemplarisch für eine Problematik der Regelung der „sicheren Herkunftsländer“ steht: Dass die Deklaration eines Staates als „sicher“ noch lange nicht ausschließt, dass Menschen individuell in ihrer Freiheit und Unversehrheit bedroht sind.
Die Geschichte ist in ihrer Tragik also zwar ein Einzelschicksal, steht jedoch für tausende weitere Menschen aus vielen unterschiedlichen Ländern, die aufgrund dieser Gesetze kaum eine Chance auf Asyl haben – obwohl es im Sinne der Genfer Menschenrechtskonvention eigentlich ein humanitätes Hilfsinstrument sein sollte. Als dann der Auftrag der taz am wochenende für die Reportage kam, war auch von Redaktionsseite klar, dass die Geschichte zwar eine sehr persönliche ist – eine Einordnung der Problematik der „sicheren Herkunftsländer“ jedoch unbedingt stattfinden muss.

Fllanxa Murra hat Ihnen erzählt, wie sie ihre Beine verlor, ihre Familie sie verstieß. Sie berichtete von Vergewaltigungen und  einem Suizidversuch. Wie verarbeiten Sie als Journalistin solche belastende Gespräche bei der Recherche?

Das ist eine gute Frage, die ich mir selbst oft stelle. Um eine gute Reportage zu schreiben, muss man Menschen nah sein, ihre Emotionen wahrnehmen, sie kennenlernen. Es ist ein schmaler Grat zwischen der Intimität, die für eine Reportage notwendig ist, und der professionell notwendigen Abgrenzung. Es gelingt mir nicht immer gut, diese Geschichten nach Feierabend nicht weiter mit mir rumzutragen. Im Gegenteil, mich beschäftigt das dann schon sehr und es belastet auch. Insbesondere weil ihr Leid nicht nur biografische, sondern auch politische Gründe hat. Da fällt Distanz wahren natürlich schwer. Aber klar ist auch: Ich kann mich der belastenden Situation zumindest räumlich über kurz oder lang entziehen. Für mich ist es eine Geschichte, die zu meinem Job gehört – für Fllanxa Murra ist es Lebensrealität.

Sie haben im Text darauf hingewiesen, dass Sie nicht alles überprüfen können, was Fllanxa Murra erzählt. Wie entschieden, was Sie glauben, ohne Beweise dafür zu haben?

Ob die Erzählungen einer Person glaubwürdig sind oder nicht, kann man zu einem großen Teil schon im Gespräch und durch Nachfragen einschätzen: Sind die Aussagen konsistent? Machen sie logisch und zeitlich Sinn? Wie detailliert sind die Schilderungen? Bei Fllanxa Murra hatte ich zu keinem Zeitpunkt Zweifel daran, dass das, was sie erzählt, der Wahrheit entspricht. Zudem hatte ich Dokumente und Beobachtungen anderer Personen, die ihre Erzählungen untermauert haben. Aber die persönliche Einschätzung darüber, was ich glaube und das, was letztlich journalistisch aufbereitet wird sind natürlich zwei unterschiedliche Dinge. Viele Informationen in dem Text basieren auf ihren Erzählungen und sind daher im Konjunktiv formuliert. Das, was wir aber durch andere Aussagen oder Dokumente eindeutig belegen können, habe ich entsprechend aufgeschrieben. Man muss diese Erzählungen nachrecherchieren und schauen, ob die Geschichte durch andere Quellen gestärkt und belegt werden kann. Genau das macht einen Text meiner Meinung nach glaubwürdig.

Im Text sagt Fllanxa Murra, sie würde sich umbringen, falls sie abgeschoben würde. Am 7. Dezember wurde sie abgeschoben. Wie geht es Fllanxa Murra heute?

Es geht ihr nicht gut. Sie wurde direkt in eine Psychiatrie gebracht, wo ihr aber nach eigener Aussage nicht geholfen wird. Überhaupt finde ich fraglich, ob Fllanxa Murra wirklich in eine Psychiatrie muss oder nicht eher andere Formen der Unterstützung braucht. Mithilfe von Unterstützer_innen versucht sie, eine eigene Wohnung zu bekommen. Die Abschiebung war sehr schlimm für sie, sie erzählt davon, das sie gefesselt wurde und man sie auf den Boden gedrückt und den Mund zugehalten habe. Ihre Aussicht auf Asyl in Deutschland hat sich nicht verbessert – es läuft aber weiterhin eine Klage gegen den Ablehnungsbescheid, sowie auf eine Feststellung der Rechtswidrigkeit der Abschiebung. Ich werde in den kommenden Tage nach Albanien fahren, mir ihre Situation vor Ort anschauen und direkt mit ihr sprechen. Dann kann ich vielleicht nochmal deutlicher aufschreiben, welche Auswirkungen die Abschiebung auf Fllanxa Murra hat.

Man merkt, dass Sie die Geschichte berührt. Sie twittern darüber, dass Sie die Behandlung von Fllanxa Murra in Deutschland und die Abschiebung für ein Unrecht halten. Werden Sie gerade von der Journalistin zur Aktivistin?

Naja, die Frage nach Neutralität im Journalismus wird ja insbesondere in den vergangenen Jahren im Kontext von Fake News und „Lügenpresse“ -Diskursen verstärkt gestellt. Ich sehe das so: Natürlich sind Journalist_innen einer faktenbasierten Berichterstattung verpflichtet. Aber allein aus sozialwissenschaftlicher Perspektive ist eine absolute Objektivität überhaupt nicht möglich, weil auch Journalist_innen selbst Subjekte bestimmter Diskurse und von diesen geprägt sind. Darüber hinaus finde ich es enorm wichtig, Position zu beziehen.

Soll heißen: Selbstverständlich habe ich eine Meinung zu bestimmten Themen und natürlich wirkt sich diese auch auf die Wahl meiner Themen und den Umgang damit aus. Es ist wichtig, die eigene Position dabei kritisch zu reflektieren und in Verhältnis zum professionellen Umgang zu setzen. Aber Medien prägen den politischen Diskurs und sind sehr wichtig für die demokratische Meinungsbildung – da wäre es doch fatal, wenn man politischen Entwicklungen nicht mit kritischer Analyse und Aufarbeitung begegnet. Ich finde Meinung und Debatte also auch im Journalismus extrem wichtig – insbesondere in Zeiten, in denen rechte Diskurse und Verschwörungstheorien immer stärker in die Meinungsbildung hineinwirken. Denn Journalismus hat auch eine ethische Verpflichtung. Und wenn grundlegende Menschenrechte wie das auf Asyl durch politische Entwicklungen gefährdet werden, dann muss man dies auch als Journalistin kritisieren können. Ob das dann Aktivismus ist – ich weiß es nicht. Für mich ist es Haltung.

Sarah Ulrich, 26, ist freie Journalistin, Moderatorin und Reporterin insbesondere für feministischen Themen, Rassismus, soziale Transformation und moderne Formen der Kultur. Sie lebt in Leipzig.