27.09.2019

Ja! Jaa! Jaaa!

Vier Männer, ein Traum: Bei den Leichtathletik-Europameisterschaften wollen sie Goldmedaillen abstauben und einen Weltrekord brechen. Nur: Die Herren sind zwischen 85 und 89 alt. Gemeinsam trainieren und zweifeln, hoffen und quälen sie sich. Doch am Ende der Sprintbahn wartet nicht nur die persönliche Bestzeit, sondern auch ein Sieg gegen das Älterwerden.

Nicola Meier · Die Zeit · 30 Minuten

 

Untergegangen

Oktober 1972 stürzte der achtjährige Cengaver Katranci in die Spree. Die eine Uferseite gehörte zu West-Berlin, die andere zum sowjetischen Sektor – und der Fluss somit zum Grenzgebiet der DDR. Weil niemand es wagte, den Jungen zu retten, ertrank er. Wer trägt die Verantwortung für Cengavers Tod?

Christoph Cadenbach, Annabel Dillig und Christian Schramm · Süddeutsche Zeitung Magazin · 30 Minuten

 

Zugzwang

Schachspielen soll klüger und empathischer, ja sogar Spielende zu besseren Menschen machen. Und in Armenien ist Schach Nationalsport. Woher kommt diese Obsession? Die Suche nach der Antwort führt den Reporter durch armenische Kaderschmieden und Strip-Clubs, vorbei an Schach-Großmeistern – und einer Menge Wodka.

Alexander Rupflin · Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung · 15 Minuten (€)

 

Satz der Woche

„Er kennt sie alle: den Finnen, „Markus, wie geht es dir!“, den Briten, „Hello, Toni!“, den Tschechen, „Karel!“, den Griechen – wie war noch mal der Name? „Chatziemmanouil, Konstantinos“, liest Herbert auf dessen Trikot, er macht kurzerhand „Schatzi“ draus. Schatzi, 90, interessiert sich vor allem dafür, wann Herbert ebenfalls 90 wird. „In two months“, sagt Herbert. Dann wird Herbert in die Altersklasse M90 aufrücken, in der auch Schatzi startet. Schatzi sieht darüber nicht glücklich aus.“

Nicola Meier in ihrem Text „Ja! Jaa! Jaaa!“ aus der Zeit

 

 

Unsere Reportagekritik kommt in dieser Woche von Nik Afanasjew. Er ist freier Reporter und arbeitet unter anderem für REPORTAGEN, VICE, DUMMY, Die Zeit und den Tagesspiegel. Uns hat er erzählt, was eine gute Reportage braucht.

Minuspunkt
Texte, in denen der Autor versucht, seine Protagonistin als besonders gefährlich darzustellen, um sich selbst zu pushen – guckt mal, so jemanden habe ich getroffen! Das passiert vor allem bei Aktivistinnen der neuen Rechten. So wird unter dem Anschein, das Böse dekonstruieren zu wollen, dieses Böse erst medial zum Leben erweckt. Nicht unerheblich sind da auch die Fotos. Ein gekonnter Fotograf macht halt auch aus einem unsicheren Mädchen noch eine toughe Terroristin.

Pluspunkt
Texte, in denen auch die Bösewichte Menschen sein dürfen. Bei Romanfiguren gilt: Spürt der Leser, dass der Romancier seine Figur nur verachtet, ist sie misslungen. Bei Reportagen funktioniert für mich ein Protagonist oder auch Antagonist auch nur dann, wenn der Reporter es schafft, seine menschliche Seite zu zeigen.