7.2.2020

Erstfrau liebt Zweitfrau

Maryam liebt an Mauza ihre kosmopolitische Art, Mauza an Maryam ihre zarte Haut. Eigentlich sollten die beiden einen Mann lieben, und zwar den gleichen: ihren Ehemann Ahmad. So kann diese Liebe zwischen Erst- und Zweitfrau im Oman nur im Verborgenen blühen.


Agata Romaniuk · Reportagen (€) · 15 Minute

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Ein Leben in Gaza

Alles was Nas kennt sind Grenzen. Der Zaun nach Israel, das Meer, auf dem Boote patrouillieren, der Sittenkodex der Hamas, der lange Haare nicht duldet. Nur in ihren Träumen können Jugendliche in Gaza die Grenzen hinter sich lassen – und manchmal beim Skateboard fahren.

Text: Raphael Geiger, Fotos: Nicola Zolin · Stern (€) · 15 Minuten

Die Frau an seiner Seite

Die Medien nennen sie „Bulldogge“, denn Donna Rotunno kann zubeißen, hart und präzise. Als Verteidigerin des als Serienvergewaltiger angeklagten Filmproduzenten Harvey Weinstein will sie beweisen, woran fast niemand auf der Welt glaubt: dass ihr Mandant unschuldig ist.

Philipp Oehmke · Spiegel (€) · 15 Minuten

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 Satz der Woche 
»Nas trägt den Hass nicht vor sich her, aber er versteckt ihn auch nicht. Isreal abzulehnen: das steckt tief in ihm drin. Er ist damit groß geworden. Vermutlich wird er damit alt werden.«
Raphael Geiger in seinem Text „Ein Leben in Gaza“, erschienen im Stern

Wie haben Sie das gemacht?

Martin Nejezchleba und Julius Betschka haben mit uns über ihre Recherche „Die toten Babys von Neukölln“ gesprochen, die 2019 den Reporterpreis in der Kategorie „Lokalreportage“ gewonnen hat. Martin Nejezchleba ist Reporter bei der Berliner Morgenpost, Julius Betschka ist inzwischen Redakteur des Tagesspiegel.

„Die toten Babys von Neukölln“ ist von der Reporterpreis-Jury für seine aufwändige Recherche gelobt worden. Wie lange hat sie gedauert? Und wie habt ihr euch die Arbeit aufgeteilt?

MN: Schwierig zu sagen, wie viele Stunden oder Tage das waren. Wir waren etwa vier Monate an dem Thema dran, aber natürlich nicht täglich damit beschäftigt – das Tagesgeschäft musste ja weitergehen.

JB: Wir haben im Laufe der Recherche die Protagonisten untereinander aufgeteilt, haben fast alle allein besucht. Was eher aus der Not heraus entstanden ist, hat am Ende geholfen, den Text ausgewogen zu halten – einer war immer als Korrektiv für den anderen da.

Was waren die größten Schwierigkeiten?

MN: Für mich war da immer wieder die Versuchung, den Rassismus-Vorwürfen gegen unseren Protagonisten zu folgen. Der Neuköllner Stadtrat Falko Liecke hatte bei einem sehr komplexen und sensiblen Sachverhalt einen Verdacht geäußert: die hohe Säuglingssterblichkeit könnte auf Verwandtenehen zwischen muslimischen Eltern zurückgehen. Ohne die nötigen Daten eine Minderheit für ein Problem verantwortlich zu machen – das geht gegen so ziemlich alles, woran ich glaube. Es waren dann die Ergebnisse unserer Recherchen und viele Diskussionen mit Julius, die mich immer wieder dazu gebracht haben, kein voreiliges Urteil zu fällen.

Wie habt ihr das Paar mit der behinderten Tochter gefunden?

JB: Das hat ewig gedauert. Familienberatungszentren haben uns in unseren Recherchen bekräftigt, aus Datenschutzgründen aber niemanden vermittelt. Letztlich haben wir die Familie nach mehr als drei Monaten und dutzenden Telefonaten über eine Selbsthilfegruppe für türkische Familien mit behinderten Kindern gefunden. Etwa die Hälfte der Frauen dort hatte ein Baby aus einer Verwandtenehe. Familie Z. wollte mit uns reden. Sehr herzliche, mutige Menschen. Nach dem Treffen wusste ich: Wir müssen diesen Text schreiben.

Der Text vermittelt gut, wie brisant das Thema ist. Wie hat das eure Arbeit beeinflusst?

MN: Sehr. Allein wie schnell Rechte auf den Verdacht von Liecke angesprungen sind, hat uns gezeigt, dass die AfD nur darauf lauert, Rechercheergebnisse, die das bestätigen, zu instrumentalisieren. Am Ende haben wir den Weg gewählt, der uns am ehrlichsten erschien: der Recherche vertrauen und die dann so transparent wie möglich aufschreiben – auch die Zweifel, die wir und unsere Interviewpartner hatten.

JB: Wir wollten kein Teil irgendeines Lagers sein, auch nach Veröffentlichung nicht. Mich hat sehr gefreut, dass jemand den Artikel mit dem Satz „Ein Text gegen Populismus“ gepostet hat. Das ist vielleicht eh ein gutes Rezept gegen Populismus: Zweifel zulassen.

Hat euch die Tatsache, dass ihr keine klare Antwort auf eure Frage geben konntet, verunsichert? Wie geht man damit als Reporter um?

JB: Es gab diesen Moment, als Martin von einem Treffen mit dem Chef des Archivs für Leichenschauscheine zurückkam und sagte: Die Daten passen nicht zusammen, wir können nicht herausfinden, woran die Babys gestorben sind. Da dachte ich: Okay, was machen wir hier eigentlich?

MN: Es ist ja unser Job, „zu sagen, was ist“. Aber manchmal ist die Wahrheit komplizierter als ein catchy slogan. Wir haben beschlossen, unsere Suche nach der Wahrheit zu erzählen. Und eben genau das zu sagen, was ist: viele offene Fragen. Ich denke, wir beide haben gelernt, dass es sich lohnt, auch eine Annäherung an die Wahrheit genau als solche aufzuschreiben, keine Eindeutigkeiten zu forcieren.

Wie habt ihr es geschafft, so eine Recherche mit dem stressigen Tagesgeschäft einer Lokalredaktion zu verbinden?

MN: Wir hatten tolle Unterstützung von der Redaktionsleitung. Man hat uns Zeit und Vertrauen geschenkt, obwohl das alles so lange gedauert hat und wir immer wieder antworten mussten: Wir haben keine eindeutige Antwort.

JB: Ohne Überstunden und unsere Co-Autorenschaft wäre so eine aufwendige Recherche trotzdem schwierig geworden, das muss man schon auch sagen.

Verfolgt ihr das Thema weiter? Haben euch durch die Veröffentlichung des Textes neue Hinweise erreicht, warum in Neukölln mehr Säuglinge sterben als anderswo?

MN: Der Stadtrat hat nach unseren Recherchen eine Studie in Auftrag gegeben und vor nicht allzu langer Zeit einen Bericht dazu vorgestellt. Die Untersuchung hat bestätigt, was wir aufgeschrieben hatten: Die verfügbaren Daten lassen keinerlei Rückschlüsse auf kausale Zusammenhänge zu.

JB: Mich hat erleichtert, dass wir nichts übersehen hatten. Mal schauen, wie sich die Säuglingssterblichkeit in Neukölln entwickelt – warum genau die so hoch ist, ist ja weiterhin unklar.