Freundschaft, Feindschaft, Wunder


Am Boden

Nachdem Maries Beine zerquetscht wurden, hielt Anna ihr eine Stunde lang die Hand und redete auf sie ein. So freundeten sich zwei Frauen an, die sich sonst nie gefunden hätten. Beim Anschlag auf den Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz in Berlin.

B. Stuff, W. Wiedmann-Schmidt · Der Spiegel (€) · 10 Minuten

Alternativ auf Blendle lesen

 


This is Java!

Drei Kühe sind tot. Na und? Die Letztes Jahr starben 12 Fußballfans in Indonesien. Eine Busfahrt mit den Ultras von Persija Jakarta zeigt, was die Liga so gefährlich macht. Eine irre Auswärtsfahrt mit Schamanen, literweise Ciu-Schnaps und Fans, die selbstverständlich vom Töten reden.

Andreas Bock · 11 Freunde (€) · 20 Minuten

 


Eine Heilige macht Ernst

Wer an Santa Mari La Juaricua glaubt, den bewahrt sie vor Mieterhöhung und Zwangsräumung. Sie ist die Schutzheilige gegen Gentrifizierung. Eigentlich ist sie von zwei Künstlern in Mexiko Stadt erfunden, doch das stört die tausenden Anhänger nicht, denn ihre Wunder wirken.

Christoph Gurk · NZZ am Sonntag (€) · 10 Minuten

Alternativ auf Blendle lesen

 

Meine Lieblingsreportagen  

Mareike Nieberding schrieb bisher frei. Ab Februar arbeitet sie als Redakteurin beim SZ-Magazin. Ihr Memoir „Ach, Papa – Wie mein Vater und ich wieder zueinanderfanden“ erscheint am 15. Januar bei Suhrkamp. (Foto: Jonas Feige)

#
Schreiben wie Film, Irmgard Keun, Wallstein Verlag

Irmgard Keun hat mich das Lesen gelehrt. Ihr Roman „Das kunstseidene Mädchen“ ist das erste Buch, das ich Satz für Satz, Wort für Wort auseinandergenommen habe, mit 15 im Deutsch-Unterricht von Herrn Lonsdorfer. Dass zwischen den Zeilen so viel Platz für Menschlichkeit sein kann, das wusste ich vorher nicht. Keuns Protagonistin Doris wollte ein „Glanz werden, der oben ist. Mit weißem Auto und Badewasser, das nach Parfüm riecht, und alles wie Paris“. Mit 15 konnte ich mir nichts Schöneres vorstellen. Texte können Träume machen. Nun sind Irmgard Keuns Romane und Briefe und ihre Reportagen, Glossen, Feuilletons, „neckische Scheiße“, wie sie ihre journalistische Arbeit selbst nannte, im Wallstein Verlag neu erschienen. Ihre Protagonistin Doris, das kunstseidene Mädchen, wollte „schreiben wie Film“. Irmgard Keun konnte es.

##
Locker, Bahne, locker, Dirk Kurbjuweit, Der Spiegel

Ich bin nicht zitatefähig. Nur einen Einstieg habe ich mir in meinem Leben gemerkt und das ist der von Dirk Kurbjuweits Text über den Ruderer Bahne Rabe, der seine Boote wie Möwen schweben ließ. Rabe, 1,95 Meter groß und als Schlagmann im Achter und Olympiasieger 95 Kilo schwer, hungerte sich nach seinem Karriereende mit 37 Jahren und 60 Kilo ins Grab. Kurbjuweits Text beginnt mit den Worten: Da steht der Tod auf Stelzen. Ich weiß nicht mehr, welcher Dozent uns diese Reportage an der Journalistenschule vor die Nase gelegt hat. Stecke ich fest, lese ich sie bis heute. Und zwar den Abschnitt über vier sehr große Männer und einen sehr kleinen, die alle nach den nicht gesagten Sätzen suchen: „Manchmal entdecken sie einen, probieren ihn still für sich aus, bedenken die Folgen und was anders gekommen wäre. Aber im Konjunktiv ist kein Trost zu finden.“ Das gilt wohl im Leben wie im Schreiben.

###
Alzheimer on the road, Juliane Schiemenz, Reportagen

„Ach, Vati“. An diese ersten Worte von Juliane Schiemenz’ Reportage über ihren an Alzheimer erkrankten Vater konnte ich mich garnicht mehr erinnern, bevor ich sie noch mal gelesen habe. Ich musste lachen, weil ich gerade ein Buch mit dem Titel „Ach, Papa“ veröffentliche. Es ist doch interessant, dass zwei Autorinnen, die sich nicht kennen und über ihre Väter schreiben von demselben Ausspruch Gebrauch machen. Irgendwas muss dieses „Ach“ ja haben. Für mich steckt Wehmut drin, Zärtlichkeit, etwas Beiseitewischendes, eine Geste, die glaube ich viele Töchter aus dem Umgang mit ihren Vätern kennen. Schiemenz’ Text über die letzte Reise mit ihrem Vater, aus der sächsischen Heimat in ein Kompetenzzentrum in München, zu den „bayrischen Bonzen“, war für mich als Leserin eine Tragikkomödie, als Tochter eine Herausforderung und als Autorin ein Beispiel für das Feingefühl, das man beweisen muss, wenn man sich und seine Familie zum Gegenstand seines Schreibens macht. Es erfordert Maß und Mut. Juliane Schiemenz hat diese widerstrebenden Kräfte in dieser Reportage meisterhaft in Einklang gebracht.