Henry Nonsens: Frank Schirrmacher


Zur Übersicht Giovanni di Lorenzo

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Frank Schirrmacher trägt als Erkennungsmerkmal die «Hildesheimer Allgemeine Zeitung» unterm Arm. «Willkommen», begrüßt er uns mit festem Händedruck. Im silbernen Mercedes chauffiert er uns durch Hildesheim, erzählt von seinen Wurzeln in Ostpreußen und fährt zur Allee «Unter den Linden», wie er seine idyllische Wohnstraße amüsiert großstädtisch nennt.

«Sehr interessante Reportagen» seien das gewesen, schickt er voraus, als wir uns am Tisch mit der rosenbestickten Decke einrichten. Frank Schirrmachers Lebenspartnerin hat für die Jury-Sitzung extra Apfelstrudel gebacken und das schmucke Porzellan rausgeholt. Auch sie setzt sich für die Besprechung mit dazu. Wir trinken eine Tasse Kaffee. Es ist wie zu Besuch bei den Großeltern.

Und damit sind wir auch schon mitten im Thema: Die Reportage über den Anzug, der einen altern lässt, wie fanden Sie die, fühlt man sich so im Alter?

Der Text gefiel, «abwechslungsreiche, sprudelnde Erzählform», hat Herr Schirrmacher notiert. «Aber warum diese belastende Verkleidung? Kann man nicht auch aus dem Zusammenleben mit Älteren erfahren, wie sich Altsein anfühlt?» Guter Punkt! Und eine gute Gelegenheit, im Regal nach einem der Bücher von diesem anderen Frank Schirrmacher zu greifen, die da alle feinsäuberlich stehen: «Das Methusalem-Komplott». Das Buch, wonach unsere Gesellschaft zwar immer älter wird, aber von Jugendwahn und Degradierung des Altseins beherrscht sei. Recht hat es, stellen wir fest. Dieser Altersanzug passt ins Bild: Eine völlig verzerrte, erniedrigende Simulation des Alters. Frank Schirrmacher und seine Partnerin sind sich einig: «So fühlen wir uns nicht.»

Nächster Text: Die Nacktkreuzfahrt. «Diesen Artikel habe ich mit Abneigung gelesen. Ich finde so eine Kreuzfahrt nicht appetitlich», sagt Herr Schirrmacher (und wir sind in diesem Moment froh, dass wir ihm die Playboy-Reportage über den Porno-Dreh aus Pietät nicht mitgeschickt haben). Irgendwie typisch Ami sei das. Aus allem einen Markt machen. Und dieser Fun. Letzter Platz.

Frank Schirrmacher übrigens ist ein Mann des Papiers. Bis zur Rente hatte er als Kaufmann im großen Stil Papier verkauft. Und an der Zukunft des Papiers zweifelt er nicht, jedenfalls als Verpackungsmaterial. Er hat zwar auch «diese Maschine», auf der er die Mails seiner Enkel beantwortet. Aber Nachrichten liest er lieber in der «Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung». Die tägliche FAZ sei ihnen nach vier Wochen Probeabo dann aber doch zu viel gewesen. Irgendwie schön zu hören, dass Informationsflut nicht nur aus dem Internet kommt.

Doch nun zu den Favoriten. Den Gefängnisbesuch hat beiden sehr gut gefallen. Eine «humoristische, belebende Aktion», hat Herr Schirrmacher notiert. Klar, einen staatstragenden Einwand gibt es: Der Gefängnisaufenthalt hat hohe Kosten für die Allgemeinheit verursacht. «Alle könnten das nicht machen!» Aber zum Wutbürger wird Schirrmacher deshalb nicht. «Mein Gott, wegen zwei Tagen.»

Am liebsten jedoch las Frank Schirrmacher die Reportage über die Ryoteis. Das Thema fasziniert ihn. «Ich finde es toll, dass Leute, die es sich leisten können, sogar in Städten wie Tokio einfach diesen Riegel vorschieben und dort auch Politik machen können», sagt er. Frank Schirrmacher gehört nicht zu denen, die auf so was neidisch sind. Auch wenn er sagt: «Ich würde da nicht reinkommen!»

Aber warum eigentlich nicht, fragen wir ihn. Könnte er nicht einfach sagen, dass er Frank Schirrmacher ist?

Text: Tin Fischer


Frank Schirrmachers Rangliste:

1

Jenseits der Sterne

Von Max Küng · SZ-Magazin Stil + Das Magazin

2

Lieber in den Knast

Von Philipp Maußhardt · Stern + NZZ am Sonntag

3

Gute Reise

Fabian Dietrich · Dummy Magazin

4

Nackt im Wind

Philipp Schwenke im SZ-Magazin