Henry Nonsens: Giovanni Di Lorenzo


Frank Schirrmacher Kai Diekmann

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Zeitung liest er nicht, nein. Sieht er gern fern, hört er Radio? Giovanni Di Lorenzo, 46, wirkt fassungslos: «Keine Zeit!», sagt er. Das Problem könnte auch sein: Zum Zeitunglesen, Fernsehen und Radiohören bietet es sich an, stillzusitzen. Und das ist seine Sache nicht. Aber wer will bei einem Journalistenpreis schon auf das Urteil von Giovanni Di Lorenzo verzichten?

Glücklicherweise ist seine Frau Sandra, Kinderkrankenschwester im Erziehungsurlaub, eine passionierte Leserin. Während sie am Tisch der Dreizimmerwohnung im bayrischen Hof sitzt, in den Reportagen blättert und bedächtig und in schönstem Oberfränkisch ihr Urteil spricht, wandert Giovanni zwischen Balkon und Esstisch hin und her. Raucht eine, setzt sich hin, scherzt mit Luana, dem gesprächigen Baby, steht auf, geht wieder zum Balkon. Dabei lauscht er dem Gespräch, immer bereit, seinen Teil beizutragen. Neben dem Kochen ist das gepflegte Plaudern Giovanni Di Lorenzos Leidenschaft.

Das wird auch «diese Madame» von der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung schnell gemerkt haben, die ihn vor ein paar Monaten anrief und wegen einem Buch zu allem Möglichen befragte: Helmut Schmidt, Berlusconi, was er von der Merkel halte. «Ich lag in der Badewanne und habe losgeplaudert, halbe, dreiviertel Stunde lang.» Ein schönes Gespräch sei das gewesen, er habe sich nicht viel dabei gedacht. Ein halbes Jahr später erschien dann das Buch «Helmut Schmidt erklärt die Welt. Mit einem Vorwort von Giovanni Di Lorenzo», darin eine Zusammenfassung dessen, was er am Telefon erzählt hatte. So hatte er sich das irgendwie nicht vorgestellt. Seitdem ist er etwas vorsichtiger geworden, der ungelernte Arbeiter, der vor 26 Jahren nach Deutschland kam, um im Lokal seines Cousins Teller zu waschen («’Da Carmelo‘ in Bad Steben, beste Pizzeria Oberfrankens! Schreib das!»).

Als dann die nächsten Spinner aus der Medienbranche (also wir) anriefen und was von ihm wollten, nur weil er Giovanni Di Lorenzo heißt, hat er den Hörer direkt an seine Frau weitergereicht: Sie solle das machen, wenn sie Lust drauf habe. Das Geschenk, das die Dame schicken wollte, sei ja auch nie angekommen (die Kollegen in Frankfurt wollen es immerhin zur Post gebracht haben).

Sandra also hat alles gelesen und Giovanni von den Geschichten erzählt. Und beiden waren sich einig: «Lieber in den Knast» ist der Gewinner. «Nummer eins, zehn Punkte!», sagt Sandra. Kurz und bündig sei das gewesen, interessant, alles stand drin, was sie wissen wollte, und doch: «Da hätte ich auch gern noch ein bisschen weitergelesen, da hätte ruhig noch ein Tag kommen können!»

Sie hat mit ihrem Mann auch weiterdiskutiert: Giovanni würde auch zwei Tage in den Knast gehen, wenn er dafür einen 300-Euro-Strafzettel nicht bezahlen müsste. «Auf jeden Fall», ruft er durch die Balkontür, das sei doch toll! Sandra ist skeptisch, wer weiß, wo man da hinkäme, es seien ja nicht alle Gefängnisse so angenehm wie die in der Schweiz.

Zweiter Platz: Altersanzug. Interessant, findet Sandra, und außerdem habe der Text sie an eine Sendung erinnert, die sie gern ansieht, «Das Jenke Experiment», in dem ein Reporter auch solche Dinge ausprobiere: Wie es ist, wenn man blind ist, zum Beispiel. Einziges Minus: «Zum Schluss ist der Text ein bissel lang.»

Auf den dritten Platz kommen die Ryoteis, diese geheimen Restaurants in Japan. «Fast durchgelesen», sagt Sandra. Sie ist Mutter von zwei Töchtern. Sie hat keine Geduld und keine Zeit für Dinge, die sie nicht fesseln. Schon im Teaser ist ihr ein Begriff begegnet, der ihr signalisiert hat, dass dieser Text dazugehören könnte: «Ryoteis» kannte sie vorher nicht – aber der Text hat sie auch nicht davon überzeugt, dass man sie kennen müsste oder gar eines betreten.

Platz vier: Nacktkreuzfahrt. «Nach dem ersten Absatz hab ich net weitergelesen», sagt Sandra. Schade, denn vom Thema sei sie erst begeistert gewesen: Die Di Lorenzos lieben Kreuzfahrten, sind selbst schon zweimal mitgefahren (wie laufen eigentlich die Buchverkäufe, Frankfurt? Wäre eine dritte schon drin?). «Aber das Nackte ist net so meins», erklärt sie und lächelt, während Giovanni im Hintergrund Grimassen schneidet.

Wir bedanken uns für das Urteil und sind froh, dass wir ihr – aus einer dumpfen Ahnung heraus – den Playboy-Text vom Pornoset gar nicht erst mitgeschickt hatten. Ungelesener Platz 5: «Als Statist beim Sex-Dreh».

Text: Margarethe Gallersdörfer

 

Giovanni Di Lorenzos Rangliste:

1

Lieber in den Knast

Von Philipp Maußhardt · Stern + NZZ am Sonntag

2

Gute Reise

Fabian Dietrich · Dummy Magazin

3

Jenseits der Sterne

Von Max Küng · SZ-Magazin Stil + Das Magazin

4

Nackt im Wind

Philipp Schwenke im SZ-Magazin