Henry Nonsens: Kai Diekmann


Giovanni di Lorenzo Stefan Aust

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Kai Diekmann, unverkennbar. Lässig kommt er am Bahnhof Braunschweig auf uns zu. Das Haar Richtung Nacken gekämmt. Die Kleidung zwischen casual und classy. Natürlich gehen wir zur Urteilsbesprechung zum Nobelitaliener.

Aber dann spricht dieser Kai Diekmann so leise, so bedacht… manchmal bricht er Sätze einfach ab, wenn es nichts mehr zu sagen gibt. Ausrufezeichen scheint er nicht zu kennen. Stattdessen zitiert er seine Lieblingssätze. Sie haben unzählige Kommas und Wörter so lang wie ganze «Bild»-Schlagzeilen. Etwa jener aus dem Text von Max Küng. Kai Diekmann liest, im Hintergrund läuft Jazz:

«Jedes Gericht ist von vollendeter Schönheit. Und es ist kein Zufall, dass nach dem Abheben der Suppenschale die zwei Gurkenscheiben in der klaren Brühe mit dem Aal präzise ausgerichtet sind und einen anblicken wie zwei grüne, hoffnungsvolle Augen. Jedes Gericht ist pure Präzision und zeugt von einer an Wahnsinn grenzenden Detailversessenheit, wie etwa das handgeflochtene Körbchen aus Seetang mit den gedämpften dicken Sojabohnen darin, das ausschaut, als käme nun gleich ein Zwerg irgendwoher und würde das Körbchen packen und auf den Markt tragen. Knusprig zersplittert das Körbchen im Mund, salzig schmeckt es und leicht bitter.»

«Wenn ich so was lese, kommt bei mir eine Bewunderung hoch für die Art, wie man schreiben kann», sagt Kai Diekmann. Wäre er Journalist, man müsste für ihn wohl den gegenteiligen Begriff von Boulevard-Journalist erfinden. Piazza-Journalist vielleicht. Doch Kai Diekmann steht im Dienst einer deutschen Nachkriegsikone, von der die einen sagen, man könne in ihr die deutsche Seele lesen, andere hingegen meinen, sie sei nur populistisch: Volkswagen.

Diekmann koordiniert bei VW Designprozesse. Und wie es der Zufall will, hat er in dieser Funktion auch schon mal den Altersanzug getragen, von dem die Reportage «Gute Reise» handelt. Bei Audi wollten seine Kollegen testen, wie man ein Auto für alte Leute anpassen müsste. Sein Urteil spricht er also aus Erfahrung, wenn er sagt: «Der Text war für mich zu überspitzt. Ich fand ihn auch ein bisschen zu platt, zu simpel. Er hakt ein paar Klischees über das Alter ab.»

Hat ihm die Nacktkreuzfahrt vielleicht besser gefallen? «Das Thema ist schon ein Hingucker», sagt er. «Aber auch da blieb bei mir nicht viel hängen. Ein paar Schmunzler, mehr nicht.» Und aus den gleichen Gründen überzeugte ihn auch der Besuch beim Pornodreh nicht: «Da verspricht die Überschrift mehr, als dann kommt. Was erwartet man bei einem Porno Neues zu sehen?» Nein, Kai Diekmann taugt definitiv nicht zum Boulevard-Journalisten.

Der Abend ist mittlerweile weit fortgeschritten. Die Stoffservietten sind zerknittert, die Gläser leer und die letzten Oliven und Parmaschinkenstücke liegen unaufgeräumt in den Tellern. Wir bräuchten jetzt einen Max Küng, der aus diesem Tisch noch ein literarisches Kunstwerk machen könnten.

Also zum letzten Text: Statt Buße zahlen in den Knast. «Sehr schräges Thema», findet Diekmann. «Das ist vielleicht eine von diesen Grenzerfahrungen, die man im Leben mal gemacht haben muss.» Und noch etwas gefällt ihm: «Die Geschichte spricht dieses Urgefühl an: Man fährt ins Ausland und muss dann völlig horrende Bußen zahlen, die man eigentlich für Abzocke von Ausländern hält. Dann dem Staat ein Schnippchen zu schlagen, finde ich bemerkenswert!»

Finden wir auch. Aber haben wir richtig gehört, Herr Diekmann? Ein Satz, in dem «Buße», «Abzocke» und «Staat» vorkommt? Wir sind beruhigt. Ein bisschen Boulevard steckt eben auch in ihm.

Text: Tin Fischer


Kai Diekmanns Rangliste:

1

Lieber in den Knast

Von Philipp Maußhardt · Stern + NZZ am Sonntag

2

Jenseits der Sterne

Von Max Küng · SZ-Magazin Stil + Das Magazin

3

Nackt im Wind

Philipp Schwenke im SZ-Magazin

4

Gute Reise

Fabian Dietrich · Dummy Magazin

5

Als Statist beim Sex-Dreh

Maximilian Reich · Playboy/Focus Online