Henry Nonsens: Lady Angelina

 

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Lady Angelina steht vor mir, in Absatzschuhen, die ich niemals tragen könnte, mit wunderbaren langen blonden Haaren und dunkel geschminkten Augen. Sie lächelt mich an, als ob ich eine Frage nach dem Wetter gestellt hätte, und antwortet: „Das ist die Fickmaschine.“ Die was? „Ich zeig’s dir.“
Lady Angelina ist seit zehn Jahren Domina. Sie hat ein Studio in München, in dem Gasmasken, Lederfesseln, Seile und ein Teppichklopfer an der Wand hängen. Die Zimmer haben Namen wie „Klinik“ und „Dunkelkammer“. Es gibt auch eine Nasszelle, in der Angelina Natursekt auf ihren Kunden verteilt. Ja, das ist Urin.
Und die „Fickmaschine“? Sie steht im Latex-Zimmer und sieht aus wie ein gynäkologischer Stuhl. Vor ihr steht ein Motor mit einer Nadel oben drauf, die sich schnell von oben nach unten bewegt. Ratatatata. Ah ja – macht Sinn. Auf die Nadel setzt man Dildos, wahlweise in der Größe einer Möhre oder eines Unterarms.

Aber kommen wir zum eigentlichen Thema, den Reportagen. Else Buschheuer ist für ihren Text in die Rolle einer Domina geschlüpft – weshalb Lady Angelina nun als Expertin in der Jury für den Henry Nonsens Preis 2015 sitzt.
Doch machen wir’s spannend: Platz fünf, Lady Angelina?
„Mit dem Hemingway konnte ich gar nichts anfangen.“ Nicht mal bis zum Ende hat sie den lesen können. „Das war einfach langweilig. Mir hat sich der Sinn nicht erschlossen.“
„Angst, Schweiß und Stefan“ hat sie zwar bis zum Ende gelesen. Der Spannungsbogen war da, gut geschrieben war es auch. Bei Lady Angelina gibt es trotzdem nur den vierten Platz. Wieso? „ Ich verstehe nichts von Fußball. Das war mir alles zu männlich.“
Auf dem dritten Platz sieht Lady Angelina Tatunca. Den fand sie zwar anstrengend zu lesen, und das Thema hat sie persönlich auch nicht interessiert – aber für eine Reportage sei es dann doch eine gute Geschichte gewesen. „Treffen will ich Tatunca aber nicht“, setzt Lady Angelina noch hinzu. Dabei hätte sie in sogar ein Indianerkostüm im Repertoire.
Silber vergibt Lady Angelina an die Japanergeschichte. Reiseberichte mag sie generell, und der war mal ein bisschen lustiger. Sie glaubt, dass Mensch und Land treffend charakterisiert wurden. „Nach Japan will ich jetzt nicht mehr.“
Da bleibt nur noch eine übrig – Lady Angelinas Gold geht an die Domina-Geschichte von Else Buschheuer, unseren Siegertext. Affinität oder Zufall? „Ich habe die Geschichten auch Freunden geschickt. Alle waren meiner Meinung.“
Okay, also die Schmerzdame! Ich habe die Fickmaschine noch im Kopf, aber ich frage trotzdem: Stimmt denn alles, was da drin steht? Lady Angelina lächelt. Ja – auch sie legt Katheter, tackert Hautschichten aufeinander, steckt ihre Fäuste in den Anus von Männern. Und einen Latex-Sack hat sie auch.
In so einen hat sich Else Buschheuer übrigens auch gelegt. Mein Respekt vor der Journalistin steigt, als ich das Latex-Ding anfasse. Noch Stunden später riechen meine Finger danach. Es ist glitschig, klebrig und ich bekomme nicht aus dem Kopf raus, wie viele Körperflüssigkeiten von wie vielen Männern wahrscheinlich daran kleben.
Lady Angelina lag auch schon in einem Latex-Sack. Im Gegensatz zu Buschheuer gefällt’s ihr: „Da taucht man in eine andere Welt.“ Sowieso probiert sie alles selbst aus, was sie mit ihren Kunden macht – nur das Fisten, das macht sie nur bei anderen.
„Zur Domina muss man geboren sein“, sagt Lady Angelina. Und eine Einschätzung – trifft das auf die Journalistin zu?
Angelina grinst. „Ich könnte mir vorstellen, dass sie Gefallen daran gefunden hat.“

Text: Valerie Schönian

 

Lady Angelinas Rangliste:

1

Schmerzdame

Von Else Buschheuer · Süddeutsche Zeitung-Magazin

2

Zwei Arschgeigen in Japan

Von Alard von Kittlitz & Philip Eppelsheim · FAS

3

Ich bin Tatunca. Punkt.

Von Alexander Smoltczyk · Der Spiegel

4

Blut, Schweiß und Stefan

Von Dirk Gieselmann · 11 FREUNDE

5

Nenn mich Papa!

Von Oliver Maria Schmitt · FAS / Rowohlt Berlin