Männer, Mörder, Möchtegern

Wie haben Sie das gemacht?

Josef Saller hat mit uns über seine bewegende Reportage Frau Leppin und ihre Kinder gesprochen.

Josef, Du hast einen sehr eindrücklichen Einblick in das Jugendamt Rostock bekommen – wie hast Du das geschafft?
Das fing an wie so oft. Viele Mails und viele Anrufe mit viel Nein und viel „Wir verstehen Ihr Anliegen, aber…“. Bei manchen Jugendämtern ist die Anfrage irgendwo in der Bürokratie zwischen Innensenatoren, Jugendamts- und Bereichsleitern krepiert. Deren Zustimmung hatte ich jeweils gebraucht. Und viele andere hatten einfach Schiss. Nach einem Monat hatte ich zwei grundlegende Zusagen, in Berlin-Neukölln und in Rostock. Bei Neukölln hatte ich Bedenken, gegen ein Klischee anschreiben zu müssen. Ich wollte einfach nur wissen: Wie arbeiten die Leute da? Und wieso sagen mir alle Experten und alle Studien, dass die Leute da ihre Arbeit kaum noch bewältigt kriegen?Wie hast Du Frau Leppin gefunden?
Da war viel Glück dabei. Ich hatte am Anfang eine Liste bekommen mit fünf Mitarbeiterinnen, tatsächlich nur Frauen, die sich vorstellen konnten mitzumachen. Von allen kannte ich die ungefähren Lebensläufe. Manche waren erst sehr kurz beim Jugendamt, andere wollten sich nicht fotografieren lassen. Nachdem ich mit Steffi Leppin das erste Mal telefoniert hatte, wusste ich: Das ist sie! Ich war dann drei Mal in Rostock, insgesamt acht Tage.

Inwiefern war die Recherche vom Jugendamt überwacht?
Tatsächlich: gar nicht. Die Fotografin Maria Feck und ich sind im Vorfeld der Geschichte einmal nach Rostock gefahren, haben mit der Leiterin des Jugendamts dort die Rahmenbedingungen geklärt. Die haben uns zugesichert, dass wir alles schreiben können, was passiert. Wir haben einen normalen Hospitantenvertrag unterschrieben. Dass wir die Privatsphäre schützen usw. War völlig okay. Ich wollte ohnehin alle Personen bis auf Steffi Leppin anonymisieren. Die Dialogpassagen habe ich ihr zum Schluss noch mal vorgelesen. Das wars.

Wie hast Du Vertrauen zu den Eltern und Kindern aufgebaut, so dass Du bei den Besuchen und Fallberatungen dabei sein konntest?
Das hat es selten gebraucht. Ich war ja Hospitant und bin mit Steffi Leppin einfach mitgeschwommen. Sie hat mich kurz vorgestellt, ich hab gesagt, warum ich da bin und dass ich keine Namen nenne. Das lief erstaunlich gut. Manche wollten trotzdem nicht, klar, dann bin ich mal eine Stunde raus. Das war aber die Ausnahme. Das Problem waren eher die Fotos. Ist verständlicherweise kein Thema, bei dem sich Menschen gerne zeigen. Das hat Maria Feck aber super hinbekommen.

Wie war es für Dich persönlich, dort dabei zu sitzen?
Bei einigen Terminen fiel es mir richtig schwer, den Mund zu halten. Diese Verzweiflung vieler Menschen, diese Wut, diese Angst. Manche hätte ich am liebsten in den Arm genommen, anderen ins Gesicht gebrüllt. Abends bin ich oft im Hotel gehockt und hab mir nur gedacht: Wie packt Steffi das nur jeden Tag?

Josef Saller ist Redakteur beim Stern. Er arbeitet im Ressort Gesellschaft.