Henry Nonsens: Nenn mich Papa!

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Nenn mich Papa!

Jedes Frühjahr treffen sich ältere Männer mit buschigen weißen Bärten auf der Insel Key West in Florida, um den besten Hemingway-Doppelgänger zu küren. Von Oliver Maria Schmitt

Hemingway – das bin ich. Vielleicht glauben Sie es nicht. Niemand glaubt es, aber wahr ist es. An diesem Sommerabend auf Key West stand die Hitze senkrecht in Sloppy Joe’s. Die Deckenventilatoren kurbelten verzweifelt Sauerstoff in die Bierfeuchtigkeit des Saloons, und darunter kippten verzweifelte Männer Bierfeuchtigkeit in ihre sauerstoffarmen Köpfe. Männer, die mir sehr bekannt vorkamen. Neben mir saß Ernest Hemingway und versuchte, nicht vom Barhocker zu fallen. Sein Kopf war ein glühend roter Feuerball mit weißen Haaren und weißem Bart. „Ich find’s toll, dass so viele Leute hier aussehen wie ich“, sagte er. Ein anderer Hemingway rülpste mir von hinten ins Ohr und balancierte dann sein volles Bier durch die Menge. Er schrie auf, als er von einem Hemingway mit Baseballmütze angerempelt wurde. Doch der kriegte davon gar nichts mit, weil er sich gerade mit Ernest Hemingway unterhielt. Bald würden all diese Hemingways nur noch über einen sprechen: Über mich, Hemingway, den Überraschungssieger.

Joes Kneipe an der Duval Street war das genaue Gegenteil eines sauberen, gut beleuchteten Cafés und es war berstend voll mit Gestalten, die glaubten, sie sähen aus wie Hemingway. Ich rückte meinen Button am Revers zurecht. „Sloppy Joe’s 34. jährlicher Hemingway Look-Alike TEILNEHMER – 1. Jahr“. Den Button hatte mir vorhin eine Dame angesteckt, als sie die Startgebühr kassierte und die Regeln herunterleierte: „Heute ist die erste Vorrunde, morgen bist du dran, Deutscher, am Samstag ist Finale, du hast fünfzehn Sekunden, dich der Jury vorzustellen, sie besteht aus den Vorjahressiegern, normalerweise gewinnen nur dicke, alte Männer mit weißem Bart, wir hatten aber auch schon Jüngere, die bis ins Finale kamen, manche machen seit Jahren mit und gewinnen nie, wir sind hier am südlichsten Zipfel der Staaten, hier sind alle verrückt, Key West ist die Toilette Amerikas, was oben reinfällt, bleibt hier unten hängen, zieh dich gut an, Hemingway-Style, du weißt schon, Safari-Kleidung oder Fischerpullover mit Rollkragen, aber Vorsicht, ist heiß auf der Bühne, mach ’ne Show, Deutscher, manche bringen eigene Cheerleader mit, andere bestechen die Jury, viel Glück, Deutscher!“

Ich schlenderte die Duval Street entlang, die Reeperbahn von Key West. Versuchte es zumindest. Vergeblich. Auf der Partymeile war kein Stehplatz mehr zu kriegen. Jedes Jahr im Juli feierte die kleine Stadt am Ende Floridas die Hemingway Days, rund um den Geburtstag ihres berühmtesten Residenten, mit Kurzgeschichtenwettbewerb, Armdrücken, Wettangeln und Lookalike-Contest. Millionen waren gekommen, um ihr Idol Hemingway zu feiern.

Sie fielen aus Flugzeugen, Autos und Kreuzfahrtschiffen, um den nicht enden wollenden Gaudiwurm zu bilden, in dem ich mich befand. Über beide Straßenseiten schob die amerikanische Unter- und Mittelschicht ihr Übergewicht. Tattoo auf nacktem Oberkörper war Pflicht, Drink in der Hand, Zigarre im Mund. „Komm rein, deine Frau ist ja nicht dabei“, rief ein Schild vor einem Zigarrengeschäft, das Tabaktorpedos „aus 100 % kubanischen Samen“ versprach. Obwohl der nächste Wal-Mart weiter entfernt war als Kuba, durften von dort immer noch keine Havannas importiert werden. Das lächerliche und verlogene Embargo gegen Kuba hatte auch Obama nicht zu kippen vermocht.

Ich bog einmal um die Ecke, und schon war Key West völlig anders: ruhig und verschlafen. Hähne stolzierten umher. In Zeitlupe. Wegen der Hitze. Man konnte Fahrrad fahren. Auch sehr langsam. Selbst die Autos rollten im Schneckentempo und gemächlich an den tropisch wuchernden Vorgärten vorbei, an blühenden Frangipani- und Hibiskusbäumen.

Ich war guter Dinge, denn mir war klar, dass ich den Hemingway-Contest unweigerlich gewinnen würde. Weil ich über eine Ausnahmebegabung verfügte: Ich sah genauso aus wie andere Leute. Irgendetwas an meinem Gesicht musste auf andere so wirken, als hätte ich gar keines. Schon als Kind wurde ich von einem Lehrer einmal mit Jürgen Krauter aus der 4 b verwechselt, obwohl der ganz anders aussah als ich. Jahre später wurde ich auf einem Empfang als „Herr Hösel“ begrüßt. Neulich warf der Briefträger sogar bei mir eine Postkarte an einen gewissen Eugen Schuwerak ein, auf der mir mitgeteilt wurde, dass es in Brixen am Nachmittag geregnet hatte. In einem Hotel in Leipzig sprach mich ein wildfremder Fernseher in meinem Zimmer mit den Worten „Willkommen Herr Titanic BoyGroup“ an. Und erst unlängst, in einer Kneipe in Hannover, sagte ein älterer Herr mit riesigen Ohren über sein Bier hinweg zu mir: „Ihr glaubt wohl, ihr vom NSA könnt machen, was ihr wollt. Aber ich als BND-Opfer stehe unter persönlichem Schutz von George Bush senior, Papst Ratzinger und Boutros-Boutros-Boutros-Boutros-Ghali. Prost!“ Da war für mich eine täuschend echte Hemingwaydarstellung kein Problem.

Ich hatte mich Hemingway sorgsam und strategisch geschickt immer mehr angenähert. Ich benutzte das gleiche Notizbuch wie der Nobelpreisträger, und mein Hotel lag direkt gegenüber seinem Haus in der Whitehead Street. Heute ist es ein Museum. Am Eingang schwitzte eine lange Besucherwarteschlange vor sich hin, vor dem Kassenhäuschen beschwerte sich eine Gruppe Hemingways lautstark über die zu hohen Eintrittspreise. Eintritt – fürs eigene Haus!

Das Innere der gepflegten Kolonialhütte sah noch ziemlich bewohnt aus. Obwohl der Eigentümer es 1939 verlassen hatte. Nur knapp zehn Jahre hatte Hemingway auf Key West verbracht, doch in dieser Zeit entstand der größte Teil seines Werkes. Nirgendwo war er produktiver als auf diesem Sandplacken in der Karibik. Abends becherte er im Saloon seines Kumpels Sloppy Joe, am nächsten morgen stand er um sechs Uhr auf, ging von seinem Schlafzimmer über einen kleinen Katzensteg rüber ins Schreibhaus und tippte los. Da stand noch immer seine Reiseschreibmaschine und dort sein monströses Bett. Seine Frau hatte einen schlechten Lampengeschmack. Dafür hatte er alles mit ausgestopften Leichenteilen selbstgeschossener Tiere vollgehängt. Dazwischen krochen Horden missgebildeter Katzen herum, lauter miauende Mutanten – ein Alptraum.

Das finden Sie zu hart? Zu katzenfeindlich? Mag sein, aber ich halte mich nur an Hemingway: „Alles, was du tun musst, ist: einen wahren Satz schreiben.“ Genau. So einfach ist das. Und dann noch einen und noch einen. Nebensätze weglassen. Und am Ende jagt man sich eine Kugel in den Kopf. War man aber als Großwild auf der Welt, bekam man mit etwas Glück eine Kugel von Hemingway persönlich durch den Brägen geschossen. Das Leben war eben ein Kampf, und seines ganz besonders. Aber meines jetzt auch. Diesen Wettkampf musste ich gewinnen! Cool, und mit ausdrucksloser Miene. Denn so machten es die Helden aller Hemingway-Romane. Sie waren rücksichtslos ehrlich, hart gegen sich selbst und zeigten niemals Gefühle.

Im Esszimmer, über dem Kamin, hing eine Serie von Hemingwayporträts in allen Altersstufen. Hemingway sah sich tatsächlich sehr ähnlich. Und da! Da war er: der junge Hemingway! Ohne Bart, mit zurückgepapptem Haar. Er sah aus wie ich.

Immer neue Hemingway-Klone stiegen auf die Bühne von Sloppy Joe’s und warben für sich: „Ich bin zum achten Mal dabei. Ich habe ein Alkoholproblem, ich brauche den Sieg.“

„Ich war mal in Havanna – wie Hemingway!“

„Ich will Hemingway immer ähnlicher sein – wer hier im Saal will meine dritte Frau werden?“

„Ich habe zwar rote Haare und einen Bart, aber ich heiße Wilbur Hemingway, so steht’s in meinem Pass. Ich bin der einzig echte Hemingway!“

„Nein, ich bin das, denn ich sehe ihm ähnlicher als er selbst. Gott schütze Amerika, Gott schütze unsere Truppen und Gott schütze mich, den nächsten Papa.“

„Papa“, so erfuhr ich in der Pause von einem Papa, nannte sich der alte Ernest selbst, als er schon reifer und fülliger war. Und nur der Sieger dieses legendären Lookalike-Contests dürfe sich öffentlich und offiziell „Papa“ nennen.

Meine Mitbewerber machten wahrlich keine gute Hemingway-Figur. Wer schlechte Witze machte, wurde gnadenlos abgewürgt und ausgebuht. Ein Millionär aus Texas hatte eine Gruppe von fünfzehn Cheerleadern dabei, die für ihn johlte. Ohne Erfolg, er schaffte es nicht ins Finale. Kaum einer sah wirklich aus wie Hemingway. Die meisten waren einfach nur ältere Männer mit Bart. Misstrauisch wurden sie von der Jury beäugt, einer mürrischen Clique alter bärtiger Männer in Safarikleidung. In einem Meer aus Bier.

Dass sich einmal im Jahr alte Männer zusammenfanden, um etwas sehr Merkwürdiges zu machen, fand ich eigentlich ganz okay. Es muss ja nicht immer ein CDU-Parteitag sein. Der Hemingway-Looklaike-Contest war so was wie die amerikanische Version des Ingeborg-Bachmann-Bewerbs, nur lustiger und unterhaltsamer. Weil auf die langweilige Prosa verzichtet wurde. „Fuck literature!“ hatte Hemingway in einem Brief an Ezra Pound geschrieben. So trafen sich nun einmal im Jahr Lehrer, Ärzte und Alkoholiker, die Elite Amerikas, um in brüderlicher Eintracht einen Wettbewerb auszutragen.

„Fuck brüderlich“, sagte Wilbur Hemingway am Ende dieses ersten Abends, nachdem ich ihm sechs Biere ausgegeben hatte. „Wenn du Papa werden willst, musst du der Jury in den Arsch kriechen. Jahrelang. Du musst ihrem Verein beitreten, du musst spenden, du musst sie toll finden, und dafür lassen sie dich zappeln“, sagte Wilbur und hörte nicht auf, einen wahren Satz an den nächsten zu hängen. „Früher war das ein Spaßwettbewerb, heute geht es nur noch um Vereinspolitik und um Geld. Mit Lookalike hat das gar nichts mehr zu tun. Nicht mal Hemingway würde bei diesem Contest gewinnen.“

Hatte ich da überhaupt eine Chance? Mein weit geschnittener Vintage-Anzug mit breitem Dreißigerjahre-Revers saß perfekt und das durchgeschwitzte weiße Hemd wie eine zweite Haut. Dazu Binder und Schuhe mit Gamaschen, Haare voll zurückgepappt. Am nächsten Abend war endlich ich an der Reihe und stand auf der Bühne von Sloppy Joe’s. Die zweite Vorrunde war im Gange, einige Hemingways waren bereits zusammengebrochen, kollabiert bei mörderischer Hitze und hundert Prozent Bierluftfeuchtigkeit. Sie wurden von anderen Hemingways nach draußen geschleift, an die frische heiße Luft von Key West.

Ich gab den jungen Hemingway von 1924 und war total aufgeregt, weil ich mich die ganze Zeit darauf konzentrieren musste, keine Gefühle zu zeigen. Und gleichzeitig zu reden. Ich brachte ein Hemingway-Zitat, erzählte etwas Wirres von einer betrunkenen Wette unter Freunden und dass Hemingway ja mal gesagt hätte: „Tue nüchtern immer das, was du betrunken angekündigt hast. Das wird dich lehren, die Klappe zu halten.“ Mit diesem Zitat schloss ich, es ging aber in den Buhrufen des Publikums und der Jury unter. In der Pause kam einer der Juroren auf mich zu, der Papa des Jahres 1999, und sagte: „Du hättest Deutsch sprechen sollen. Dann hätte man dich nicht verstanden. Das wäre interessanter gewesen.“ Dann reichte er mir seine Hand und zerquetschte meine mit seiner Schraubstockpranke.

Wilbur Hemingway klärte mich hinterher auf, dass man mir schon nach den ersten Worten den Saft abgedreht hätte. Sie lauteten seiner Erinnerung nach so: „Hemingway hat gesagt, er trinke, um andere Leute interessanter zu machen. Leider gibt es auf Key West nicht genug Alkohol, um sich diese Jury interessant zu trinken.“ Und das hätte ich mal besser nicht gesagt. Ich schied in der Vorrunde aus.

Das ohne meine Beteiligung gefeierte Finale am nächsten Abend zog an mir vorüber wie ein Film, bei dem man eingeschlafen ist. Ausgewachsene Männer bitteten und bettelten um die Siegermedaille. Weil ihr Leben sonst keinen Sinn hätte. Weil sie so viel für den Verein gespendet hätten. Weil Kameradschaft für sie das Allergrößte sei. Weil, weil, weil. Winsel, winsel, wimmer. Am Ende hatte einer der Juroren sogar einen Hundertdollarschein unterm Hut. Ein erbärmliches Spektakel. Plötzlich wirkten die vielen Hemingways in ihren Bärten und kurzen Hosen noch gruseliger und zombiehafter als der Aufmarsch der hundert Heinos im ersten Otto-Film.

Ich wankte nach Hause, durch die Toilette Amerikas. Sehr langsam. Auf dem Weg kaufte ich mir eine kubanische Zigarre bei einer schönen Mulattin. Sie erbleichte, als sie meinen Teilnehmerbutton am Revers sah.

„Sie haben … beim Hemingway-Lookalike mitgemacht?“

„Genau.“

„Aber … aber … Sie sind doch …“

„… nicht alt genug?“

„Ja! Und nicht…“

„… fett genug? Nicht bärtig genug?“

„Ja. Beides.“

„In zwanzig Jahren schon! Warten Sie’s ab, dann komme ich wieder, schöne Mulattin! Älter, fetter und weißhaariger als je zuvor! Und dann können sich die Papas hier auf was gefasst machen.“

Sie verstand nicht, ich ließ sie stehen. Heiße Luft kam auf. Es wurde unruhig. Blitze tanzten über den Himmel, wütender Donner grollte und kündigte die heraufziehende Hurrikansaison an. Ein Tropengewitter goss Kübel heißen Wassers über mir aus.

Hemingway, dieser Penner! Der war für mich erledigt, ein für alle mal. Was hatte der schon groß geleistet? Er war ein rettungsloser Angeber und der schlimmste Nebensatzkiller aller Zeiten. „Ein Mann kann vernichtet werden, aber nicht besiegt“, schrieb er in „Der alte Mann und das Meer“. Werde ich eben woanders siegen. Mir doch egal. Vielleicht in Lübeck, wenn sie dort endlich einen Günter-Grass-Lookalike-Contest auf die Beine stellen. Dann werde ich mit Prachtschnauzer, Pfeife und SS-Uniform auflaufen und abräumen. Oder wenn am Bodensee die Martin-Walser-Days stattfinden. Dann hole ich mir mit feuchter Aussprache und meterhohen Augenbrauenhecken den Pokal. Oder ich gehe mit Weltraumfrisur und Lippenstift als krasse Oma zum Hertha-Müller-Ähnlichkeitswettbewerb. Und gewinne. Mit wahren Sätzen. Dann bin ich es nämlich: dem die Stunde schlägt.

Erschienen in der Frankfurter Allgemeinem Sonntagszeitung vom 12.10.2014 © Alle Rechte vorbehalten. Zur Verfügung gestellt von Oliver Maria Schmitt.