Geflüchtet, gedrängt, gereist

1-1

Ahmed verliert seinen Freund Zibo vor der lybischen Küste. Sie hatten es schon geschafft, waren mit ihrem Gummiboot bis an das Rettungsschiff gekommen. Doch dann zerfressen Benzin und Salzwasser Zibos Haut…

Retten! Oder nicht? · Jonas Breng · Stern · 20 Minuten

 

2-1

Die Jungs aus Berlin-Lichtenberg mussten ihn nur anrufen, dann war er da. Jens, 40, selbstständiger Maurer. Er kümmerte sich um sie, kaufte ihnen Essen, ging mit ihnen ins Kino. Und er missbrauchte sie. 381 Mal.

Die kinderleichte Beute · Karl Grünberg · Tagesspiegel · 20 Minuten

 

3-2

Anja Rützel fährt für sechs Tage in einen bayerischen Kurort. Sie will sich erholen, doch schon der zweite Tag macht sie nervös. Im Dorf ist nichts los. Oder ist sie bloß immer am falschen Ort?

Gebt mir die Packung! · Anja Rützel · DIE ZEIT · 25 Minuten

 

 

Meine Lieblingsreportagen

 
„Wat machst n du in New York, Männi?“

Ich muss unbedingt mit einem Text von Alexander Osang anfangen, weil ich glaube, dass mein Wunsch, selbst das Schreiben zum Beruf zu machen, viel mit Osang zu tun hat. Meinen vielleicht liebsten Text, den ich von ihm kenne, hat er geschrieben, da hatte ich gerade Schulanfang – ich hab ihn ungefähr 15 Jahre später entdeckt: Das Ehepaar Sanke aus Ostberlin fährt zum 40. Hochzeitstag zum ersten Mal nach New York. Wie Herr Sanke in New York steht und sagt: „Dit is der Broadway, Ingrid“: eines der besten Zitate, die es überhaupt gibt. Wie Osang das neue und das alte Leben der Ostdeutschen in einer Geschichte verwebt: meisterhaft. Mir als jungem Ossi haben Osangs Texte im Rückblick erst noch einmal den Osten, den Westen und die Einheit erklärt, ohne ihn hätte ich nie verstanden, was in meinem Land damals passiert ist und warum die Ostdeutschen heute sind, wie sie sind. Und ganz nebenbei ist auch heute noch fast jeder neue Text, den er schreibt, eine Offenbarung.

Alexander Osang · Berliner Zeitung · 1994

 

Wa!

Wenn ich eine Lieblingsreportage-Sorte nennen müsste, wäre es: das Politikerporträt. Ich liebe dieses Genre, weil man am meisten über dieses Land lernt, wenn man sich die anschaut, die es lenken. Gleichzeitig ist es eine wahnsinnig schwierige Form, weil Politiker, vielleicht mehr als andere Protagonisten, so starke Interessen verfolgen. Und die Guten wissen auch, wie sie ihre Interessen erreichen. Häufig haben Politikerporträts das Problem, dass sie nicht nah rankommen. Wenn sie doch nah dran sind, sind sie schnell böse, sehr böse, zu böse. „Wa!“ ist ein Klaus-Wowereit-Porträt von Stuckrad-Barre, ich habe es ausgewählt, weil es einen so oft porträtierten Politiker wie Wowereit noch mal ganz neu aufschließt. Allein die Verschriftlichung von Wowereits Sprache. Und wie Stuckrad-Barre mit Wowereit gleichermaßen respektlos wie liebevoll umgeht. Die Anfangsszene mit dem Staatspräsidenten von Benin kann ich, glaube ich, mitsprechen.

Benjamin von Stuckrad-Barre · TEMPO · 2006

 

Heute ein König

Man lobt ja immer nur die großen, lang atmenden, schweren Stücke. Nie die lustigen. Dieser Text hier aber hätte völlig zurecht beinahe den Henry-Nonsens-Preis von Reportagen.FM gewonnen, ich weiß gar nicht, wie das anders ausgehen konnte. Camper Dachsel hat das Genre der Ritz-Reportage neu erfunden: Sein Text ist eine irre Geschichte über das Staunen, das man erlebt, wenn man seine Urlaube bisher auf Isomatten verbracht hat, und jetzt aber auf einmal im Ritz in Paris übernachten darf und einem Butler dabei zuschauen muss, wie er einen Burger unter einer Haube hervorzaubert und einen extra Tisch aufbaut, damit man diesen Burger essen kann. Für mich der lustigste Text 2016 (gut, er ist erst im Januar 2017 erschienen, aber trotzdem). Und das Schönste an dieser Reportage ist, dass er eben nicht nur lustig ist, sondern eine unglaublich kluge Erzählung von übertriebenem Luxus, einfachem Leben, großem Geld ist. Und dramaturgisch irre gut gearbeitet. Wenn Ich-Text, dann so, finde ich.

Felix Dachsel · DIE ZEIT · 2017

Martin Machowecz, 1988 in Meißen geboren, ist Redakteur im Leipziger Büro der Wochenzeitung DIE ZEIT. Er studierte Politikwissenschaft in Leipzig und besuchte von 2008 bis 2010 die Deutsche Journalistenschule in München