Wochenauswahl 11.10.19

Meine Lieblingsreportagen
Die Journalistin Anne-Kathrin Gerstlauer verrät uns ihre Favoriten für Millenials.

Sie arbeitet als Journalistin, Beraterin und Dozentin für Onlinejournalismus und Kommunikation mit Millennials. Zuvor war sie stellvertretende Chefredakteurin von watson.de und verantwortliche Redakteurin von Zeit Campus und Zeit Online.

Drei Reportagen für Millennials soll ich empfehlen. Einfach, denke ich, und dann überlege ich und überlege und mir fallen Texte ein, aber meine Lieblingstexte sind es nicht. Ich weiß nicht, ob junge Menschen nicht interessant genug sind, um über sie Reportagen zu schreiben, weil sie noch nicht berühmt genug sind oder doch zu wenige Probleme haben, oder weil sich einfach andere Stilformen so viel besser eignen.
Ich jedenfalls merke: Die Texte, an die ich heute noch denke, die ich verschicke, die ich abends diskutiere, es sind allesamt Essays. Ich mag sie, weil sie nicht wie klassische Reportagen sind: Sie begleiten nicht eine Person oder drei, sondern sehr sehr viele, weil der Autor oder die Autorin lange beobachtet hat, sich und andere, teilweise über Jahre. Das können die wenigsten Reportagen von sich behaupten.
Hier drei meiner Liebsten, nach denen jeder, egal wie alt, junge Menschen ein kleines bisschen besser versteht:

How Millennials became the Burnout Generation – von Anne Helen Petersen, Buzzfeed News

Es gibt ja nichts schlimmeres, als einer Generation einen Namen zu geben: Generation Egotaktiker. Generation Y. Generation Weichei. Meist hat sich das eine ältere Person ausgedacht, die irgendjemanden kennt, der sich mal unmöglich benommen hat, und jemand anders meinte dann so: Ja, stimmt, das ist echt eine andere Generation als bei uns noch. Seitdem es Medien gibt, bei denen nur noch junge Menschen arbeiten, meistens werden sie Millennial-Medien genannt, gibt es endlich Texte aus der eigenen Sicht. Manchmal sind die beschönigend und folglich nicht besonders spannend. Manchmal aber auch schonungslos offen wie dieser hier. Es geht darum, warum junge Menschen an den kleinsten Aufgaben scheitern. Das Beispiel im Einstieg: Der 27-Jährige, der nicht wählte, weil er es nicht schaffte, Unterlagen rechtzeitig zur Post zu bringen. Und die Autorin denkt daraufhin über ihre eigene riesige unerfüllte To-Do-Liste nach. Und warum das alles nichts mit Faulheit zutun hat.

Unsere Scheißangst – von Hannes Schrader, Zeit Campus Online

Ich bin bei diesem Text befangen, aber ich möchte ihn trotzdem nicht vorenthalten, weil er etwas schafft, was wenige Texte schaffen: über das Uncoole zu schreiben. Religion ist so ein Thema. Eigentlich egal, könnte man meinen, heute glaubt doch sowieso niemand mehr, der unter 77 Jahre alt ist, an irgendetwas. Aber ich glaube es ist so, wie Hannes sagt: „Ich vermute, es gibt viele von uns: junge Christen, die getauft sind, aber nicht wissen, ob ihre Zweifel und Ängste zu banal sind, zu billig für all das Leid, das in der Welt ist.“

Men have no friends and women bear the burden – von Melanie Hamlett, „Harper’s Bazaar“

Es ist ja leider eine Unart geworden, Texte schon nach ihren Überschriften zu beurteilen. Aber das ist hier ist einer von der Sorte. Du liest die Zeile und denkst direkt: Warum habe ich da so noch nie drüber nachgedacht? Jetzt macht alles Sinn.
Und der Text enttäuscht nicht. Die Autorin verknüpft die großen Themen dieser Generation(en): Liebe und die Rolle der Frau, psychische Krankheiten und die Frage, wie man damit umgeht, und was das alles mit Geschlechterbildern in der Gesellschaft zutun hat.