Rummel, Bammel, Struwwel

Der Hamburger Dom ist das, was man einen Rummel nennt, und noch viel mehr: Ein Menschenzirkus, eine Insel der Zuflucht, ein Ort ohne Eilmeldungen. Autor Moritz Herrmann über einen Mann, der dort regelmäßig der Welt abhanden kommt. Der Mann ist er selbst…

Geschüttelt und gerührt · Moritz Herrmann · ZEIT · 15 Minuten

 

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Mit der Klinge Schlagader und Gurgel durchtrennen. Mit der anderen Hand, das Genick brechen. Autorin Barbara Klingbacher schlachtet zum ersten Mal in ihrem Leben ein Tier: Eine Gans. Über die Schwierigkeit, das Töten zu lernen…

Der letzte Gang ·Barbara Klingbacher · NZZ Folio · 20 Minuten

 

3-2

Man könnte sagen, es geht nur um seine Haare. Aber für Reporter Jurek Skrobala sind sie viel mehr: ein bisschen Punk, die letzte wild wuchernde Bastion seiner selbst. Und dennoch hört er auf seine Mutter, dieses eine Mal nur, und geht mit ihr zum Friseur…

„Junge, wir gehen zum Friseur“· Jurek Skrobala · NEON · 10 Minuten

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Henry Nonsens Preis 2017

Es gibt Reportagen, die sind wahnsinnig gut und werden trotzdem nie einen Preis gewinnen. Weil sie nicht vom Krieg handeln, vom Hunger oder vom Sterben. Weil sie weder lehrreich noch relevant sind. Wir lieben sie dennoch. Weil sie so schön bekloppt vom Leben erzählen. Und jetzt ist Sir Henry wieder da, um sie zu zelebrieren.

Sir Henry:

Verzeiht die Absenz, mein Schnauzbart fing in einem schnupftabakbedingten Unfall Flammen und ist erst jetzt wieder präsentabel. Fragt nicht. Jetzt ist Frühling. Draußen zwitschern die Vögel, drinnen zupfe ich meinen Zylinder zurecht und widme mich unsinnsstiftender Arbeit.

Am Ende wird sich wieder eine Reportage mit meiner Auszeichnung rühmen können. Zwei der fünf Nominierten kann ich bereits preisgeben:

Dmitrij Kapitelman war für Vice in Kreuzberg unterwegs und belegt, was ich mir schon seit Jahren auf die Einstecktücher sticken lasse: Tauschen ist besser als täuschen! 

Jedermann weiß, was ich von Exzessen halte (starke Befürwortung). Doch nur wer Friederike Haupts Text in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung liest, versteht auch, warum ich gerne an Martin Schulz schnüffeln würde.

Folgt mir, um zu erfahren, wer noch im Rennen ist, und wie es um meine Gesichtsbehaarung steht.
Mehr Wissenswertes zu mir und meinem Werdegang findet Ihr hier.

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Wie haben Sie das gemacht?

Die Journalistin Stefanie Pichlmair hat mit uns über ihren Text „Geliebt haben sie sich nie“ gesprochen.

Stefanie Pichlmair, Sie haben etwas Intimes öffentlich gemacht: die Beziehung ihrer Großeltern. Warum?

In der Generation meiner Großeltern ist ein Zusammenleben ohne Liebe kein Einzelfall. Die Geschichte der beiden steht für so viele Geschichten von anderen Paaren und deshalb habe ich sie aufgeschrieben: Der Versuch, etwas zu erklären, das viele betrifft. Identifikationsmaterial bieten.

Wie ist aus dem gemeinsamen Essen mit Ihren Großeltern der Text „Geliebt haben sie sich nie“ geworden?

Einige Wochen danach habe ich gemerkt, dass mich das Gespräch nicht losgelassen hat. Waren sie glücklich in ihrer Ehe? Was hat sie auseinander getrieben? Warum konnten sie nicht miteinander reden? Weil mich diese Fragen beschäftigt haben, wollte ich mit ihnen darüber sprechen. Dass es eine Geschichte wird, wusste ich da noch nicht. Ich hätte sie aber nie veröffentlicht, wenn die beiden nicht einverstanden gewesen wären.
Autorisiert haben sie ihn allerdings nicht, sie wollten den Text beide nicht lesen. Er wolle nicht am Ende seines Lebens noch schlimme Dinge über sich erfahren, hat mein Großvater gesagt.

Wie führt man Interviews mit den eigenen Großeltern?

Beide haben sich sehr genau erinnert, also habe ich sie einfach erzählen lassen. Wichtige Stichpunkte, Zitate oder Jahreszahlen habe ich mir notiert. Erinnern funktioniert am besten, wenn man Zeit dafür hat und je älter der Protagonist ist, umso wichtiger ist es, dass man sie ihm lässt.

Über die eigenen Großeltern schreiben – kann man da neutral bleiben?

Nichts an diesem Text ist objektiv, aber das würde aus meiner Sicht auch grundsätzlich dem Wesen der Reportage widersprechen. Reporter wählen ihre Protagonisten, sie stellen Fragen, sie entscheiden, was sie wie aufschreiben. Deshalb ist es ihre Pflicht, feinfühlig zuzuhören und beim Schreiben ehrlich zu sein. Das war auch mein Ziel, ich wollte meinen Großeltern gerecht zu werden.

Was ist wichtig bei Geschichten, die so persönlich werden?

Ich glaube, gute Geschichten sind immer persönlich, also immer nah dran am Protagonisten. Die Gefahr bei Geschichten aus dem persönlichen Umfeld ist allerdings, dass man Details verwendet, die man bereits früher erfahren hat und sie für gegeben nimmt. Aber auch da muss man nachfragen, sie sich noch mal erzählen lassen. Vielleicht sieht der Protagonist das heute anders, vielleicht bereut er etwas, vielleicht soll etwas nicht zitiert werden. Das steht ihm zu.

Sie schreiben in Ihrem Text, Ihre Großeltern wollen den Artikel nicht lesen – welche Wirkung hatte das auf Ihren Schreibprozess?

Es hat es mir unfassbar schwer gemacht, im Nachhinein. Weil ich ja nicht wusste, ob ich an manchen Stellen zu weit gegangen war. Als der Text dann stand, ging das Gehadere los: Hatte ich einen unfairen Vorteil, weil sie bereit waren, mit ihrer Enkelin zu sprechen, aber nicht mit einer Journalistin?

Stefanie Pichlmair arbeitet als freie Journalistin. Derzeit besucht sie die Henri-Nannen-Schule in Hamburg.