Wochenauswahl 06.09.2019

Monitor 1 

Im Januar 2018 wird der 60-jährige Oyub Titiyev festgenommen, weil Drogen in seinem Auto gefunden worden sein sollen. Doch einige sagen, die Vorwürfe seien konstruiert. Titiyev war Vorsitzender des tschetschenischen Arms der russischen Menschenrechtsorganisation “Memorial”.  Und die agierte im Geheimen, aus gutem Grund: Titiyevs Vorgänger wurde ermordet. 

Aleksandr Burtin, Russland ·  Meduza · über 60 min

A Kingdom from Dust

Stewart Resnick ist der größte Farmer der USA. Er bestimmt nicht nur, was die US-Amerikaner essen, sondern hat mit seinem Imperium die kalifornische Landschaft umgeformt und mit seiner Macht ganze Städte regiert. 

Mark Arax, USA · The California Sunday Magazine · über 60 Min

The Vagabond Club

Die “Sanhe gods” sind eine Gruppe Fremdarbeiter, die im Fabrikenviertel Longhua der Metropole Shenzhen leben. Sie wollen nicht mehr arbeiten, haben den Kontakt zu ihren Familien abgebrochen und einige haben sogar ihre Pässe verkauft. Du Qiang hat mit ihnen gelebt, 45 Tage lang, undercover, und so nicht nur die Probleme der industriellen Umstrukturierung und moderner Arbeiterausbeutung aufgezeichnet, sondern gezeigt, was diese Prozesse mit Menschen machen.

Du Qiang, China · 腾讯新闻-故事硬核 · über 60 Min

 

Wie haben Sie das gemacht?

Alexandra Rojkov besuchte die Henri-Nannen-Schule und war Nahost-Korrespondentin der DPA. Aktuell ist sie Reporterin im Auslandsressort des SPIEGEL. Ihre Reportagen wurden vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem CNN Journalist Award für Auslandsjournalismus. In „202499“ hat sie die Geschichte des Tattoos auf dem Arm eines Künstlers aufgeschrieben, der sich die Nummer des letzten KZ-Häftlings von Auschwitz auf den Unterarm hat stechen lassen.

Sie erzählen in “202499” die Geschichte des Tattoos von Gal Wertman, der sich die Nummer des letzten KZ-Häftlings von Auschwitz auf den Unterarm hat stechen lassen. Wie sind Sie auf Wertman gestoßen?

Ich habe 2013 für NEON einen Artikel über junge Israelis geschrieben, die sich die KZ-Nummern ihrer Großeltern stechen ließen. Gal Wertman hatte ein Interview gegeben, in dem er in einem Nebensatz erwähnte, dass er auf seinem Arm die Nummer des letzten Häftlings trug – ohne zu wissen, wer der Mann gewesen war. Wertman wollte damals nicht mit mir sprechen. Aber seine Geschichte ging mir nicht aus dem Kopf.

Unsere Rubrik heißt „wie“ haben Sie das gemacht, aber das erklärten Sie in ihrer Reportage sehr genau. Deshalb frage ich: Warum haben Sie das gemacht? Warum wollten Sie unbedingt wissen, wer dieser fremde, letzte KZ-Häftling war?

Ich muss vorweg sagen: Ich habe nie geplant, über meine Recherche zu schreiben. Aber ich konnte Gal Wertman nicht vergessen. Ich fand seine Entscheidung einfach krass: Er hat diese Nummer auf der Haut und weiß nicht, wem sie gehört. Ich dachte: Wäre es nicht schön, wenn der Häftling noch leben würde? Wenn Wertman und er sich treffen könnten, und ich eine gute Tat vollbracht hätte? Aber die Suche nach dem Mann war aufwendiger und teurer, als ich erwartet hatte. Zuerst habe ich Stiftungen um Unterstützung gebeten. Schließlich hat das SZ-Magazin angeboten, meine Recherche zu fördern.

Sie schreiben, Sie hätten gedacht, die Recherche sei schnell gemacht. „Ich bin hoffnungsvoll und naiv.“ Wie lange haben Sie wirklich recherchiert? Und wo?

Ich habe meine Suche nebenbei gemacht und war entsprechend nicht sehr schnell. Ich musste nirgendwo hinfahren, aber ich habe bestimmt hundert E-Mails geschrieben. Ich fand viel über Engelbert M. heraus: Wo er geboren ist, wie er aufwuchs, wie seine Ehefrauen und Kinder heißen. Andere Dinge weiß ich bis heute nicht. Wie er aussah, zum Beispiel. Oder was für ein Mensch er war.

Was weiß die Familie von M. über Ihre Recherchen?

Seine Familie wollte nicht mit mir über ihn sprechen. Ich respektiere ihre Entscheidung. Deshalb habe ich ihnen den Artikel auch nicht geschickt. Die Familie soll ihren Opa so Erinnerung behalten, wie er war.

Denn er war nicht der, für den Sie ihn hielten. Sie haben herausgefunden, dass Nr. 202499 kein Jude war, sondern wohl Teil einer berüchtigten SS-Einheit.

Wohl, das ist wichtig. Den finalen Beweis, dass er bei der SS war, konnte ich nicht erbringen. Aber die Indizien sind sehr stark.

Sie wollten eine gute Tat vollbringen, dann entdeckten Sie, dass Sie Gal Wertman eine schreckliche Botschaft überbringen müssen. Was haben Sie in dem Moment gedacht?

Ich habe die Information in einer Fußnote eines Buches entdeckt, zunächst nur online und auf italienisch. In der der Bibliothek der Freien Universität Berlin gab es ein deutsches Exemplar des Buches. Es hat tausend Seiten, es wiegt mehrere Kilogramm. Ich weiß noch, dass ich Schweißausbrüche bekam, als ich die Zeilen auf deutsch las.

Haben Sie an der Recherche gezweifelt?

Ja. Ich hatte moralische Bedenken: Angst, dass ich Gal Wertman bloßstelle oder ihm seine Erinnerung kaputt mache. Andererseits: Konnte ich es vertreten, dass M. die Nummer eines möglichen SS-Täters trägt – und nichts davon weiß? Schließlich habe ich mich entschieden, es Gal zu erzählen. Aber wenn er gesagt hätte, er will nicht, dass ich darüber schreibe, dann hätte ich es nicht gemacht.

Gal Wertman bricht zusammen, als Sie ihm verkünden, wem die Nummer auf seinem Arm gehörte. Haben Sie ihr Tun, ihre Neugier, in diesem Moment bereut?

Ja. Es war noch krasser, als ich es beschrieben habe. Er hat sich bestimmt zehn Minuten lang nicht gerührt. Mir ging es richtig schlecht damit.

Aber Sie bereuen nicht, die Geschichte aufgeschrieben zu haben?

Nein. Gal hat sie gelesen und er findet, dass ich seiner Familie gerecht geworden bin. Und ich habe rührendes Feedback von Lesern bekommen.

Sie sind Jüdin. Was bedeutet Ihnen diese Geschichte persönlich?

Um ehrlich zu sein: Ich hätte lieber darauf verzichtet, mein Judentum öffentlich zu machen. Ich fürchte, dass die Menschen, die ich journalistisch begleite, nun anders mit mir umgehen. Ich habe kürzlich zum Beispiel über die Ehefrau eines IS-Täters geschrieben. Ich glaube nicht, dass sie mit mir gesprochen hätte, wenn sie gewusst hätte, dass ich Jüdin bin.

Warum war es Ihnen das trotzdem wert?

Diese Recherche hat mich enorm bewegt. Und dann kann es nicht falsch sein, darüber zu schreiben.

Haben Sie noch Kontakt zu Gal Wertman?

Vor der Veröffentlichung haben wir viel geschrieben und auch nochmal telefoniert. Jetzt schicke ich ihm die Reaktionen auf den Text. Wir überlegen, eine gemeinsame Ausstellung zu organisieren. Was immer passiert: Das ist seine Geschichte. Ich bin nur der Überbringer.