Spürst du, spinnst du, springst du?


Der Frieden ist zurück in Aleppo – aber auch die Diktatur

Die Front ist die Straße, in der Abu Sami wohnt. Als seine Stadt sich leert, flieht auch er – in sein Haus. Der Krieg dröhnt, und Abu Sami liest: Shakespeare, Goethe, griechische Dramen. Erst viereinhalb Jahre später macht er die Tür wieder auf…

Raphael Geiger · Stern · 40 Minuten


Herr Maier erwacht

Jens Maier ist Richter in Dresden. Außerdem gibt er im „Flügel“ den Ton an – dem Teil der AfD, der Frauke Petry für zu lasch hält. Von Pegida und NPD distanzieren mag er sich nicht. Jens Maier will, „dass Deutschland wiederaufersteht“…

Christian Jakob · Tageszeitung · 15 Minuten


Spring!

Kann ich nicht einfach dreimal vom Dreimeterbrett springen? Oder zehnmal vom Einmeterbrett? Warum nur, warum muss man sich im Leben immer überwinden? Schriftsteller Jochen Schmidt springt vom Zehnmeterbrett…

Jochen Schmidt · Die Zeit · 15 Minuten

 

 

Wie haben Sie das gemacht?

Christoph Dorner, warum hast du beschlossen, für deine Reportage ganze drei Monate in Lichtenhagen zu verbringen?

Vor drei Jahren habe ich eine Reportage über Kleingärtner in Hoyerswerda geschrieben, dort hatte es 1991 ebenfalls rassistische Ausschreitungen vor einer Asylunterkunft gegeben. Für die Geschichte lebte ich drei Wochen in einem Schrebergarten und merkte, wie nützlich es ist, für eine Recherche richtig viel Zeit an einem Ort zu verbringen. Denn machen wir uns nichts vor: Einem jungen Journalisten aus dem Westen erzählen ostdeutsche Kleingärtner nicht sofort ihre Lebensgeschichte. Warum sollten sie auch? Insofern war es ein Glück für mich, dass eine Redakteurin von Geo den Hoyerswerda-Text kannte. Sie fragte mich, ob ich mir vorstellen könnte, eine Langzeitreportage über Lichtenhagen zu machen. Die drei Monate waren von Anfang an im Gespräch, für einen kürzeren Zeitraum hätte ich in Lichtenhagen auch gar keine Wohnung in einem der Plattenbauten anmieten können. Dass ich so lange vor Ort war, hat dann auch geholfen, das Misstrauen bei einigen Gesprächspartnern zumindest etwas abzubauen. Ich kann es ihnen nicht verdenken: Der Stadtteil ist in den Medien in den vergangenen 25 Jahren wohl ausschließlich im Kontext von Ausländerfeindlichkeit beschrieben worden. Dieses Gefühl der Leute haben wir mit der Überschrift der Reportage im Heft einzufangen versucht: „Trotz und Vorurteil“.

In drei Monaten sammelt sich sicher  viel Material an. Wie bist du an den Punkt gekommen, dass du mit dem Schreiben beginnen konntest?

Der Selektionsprozess ist bei einer solch langen Recherche natürlich besonders schmerzhaft. Nach zwei Monaten wusste ich zwar, in welche Richtung die Geschichte gehen sollte. Dennoch hatte ich kurz vor der Abgabe zu viel zeithistorischen Ballast und eindeutig zu viele Protagonisten. Weil es mir schwer fiel, mich von einigen ihrer Geschichten zu trennen, hat sie mein Redakteur bei Geo für mich hinausgeworfen. Das war zwar hart, weil ich mit manchen Leuten stundenlang geredet hatte. Doch ohne diese Hilfe von außen hätte ich mich am Ende wohl hoffnungslos verrannt.

Uns ist aufgefallen, dass Du das „Damals“ manchmal im Präsens erzählst, das „Heute“ aber eigentlich immer im Imperfekt. Wie hast Du dich für die Struktur der Geschichte entschieden?

Ich wollte vom Lichtenhagen der Gegenwart erzählen, deshalb spielt im Text auch die Metapher vom Brink, der trotz des geäußerten Unmuts der Anwohner über Jahre verfiel und nicht saniert wurde, eine große Rolle. Natürlich konnte ich in meinem Text nicht ausklammern, was im August 1992 passiert war. Es war für mich naheliegend, die Gegenwart und die Nachwendezeit anhand der Flüchtlingsfrage miteinander zu vergleichen.

Beim Lesen sollte klar werden, dass sich Lichtenhagen als Chiffre nicht erledigt hat. Wie umkämpft das Erinnern ist, konnte man nach den Gedenkfeiern zum 25. Jahrestag des Pogroms sehen. Da war ich schon nicht mehr vor Ort. Drei von fünf Gedenkstelen, die in Lichtenhagen und der Rostocker Innenstadt aufgestellt worden waren, wurden nach drei Tagen von Unbekannten geschändet. In Rostock hatten das etliche Leute so kommen sehen.

Zu den Tempi: Ich habe die Schrebergarten-Reportage („Die verblühenden Gärten von Hoywoy“) komplett im Imperfekt geschrieben. Das hatte sich damals irgendwie richtig angefühlt. Vielleicht ließ sich damit die Nostalgie, in der viele meiner Nachbarn im Schrebergarten lebten, über das Erzähltempus transportieren. Bei dem Lichtenhagen-Text hatte ich auf der einen Seite die dramatischen Erzählungen von 1992, die schnell sein sollten, und auf der anderen Seite einen Ort, den wir nur aufgrund eines längst vergangenen Ereignisses kennen. Deshalb habe ich die Zeiten vertauscht. In der Schlussredaktion von Geo hatte man bis zuletzt Bedenken, ob die Leser das nicht irritieren könnte. Wenn es sich wie ein Kunstkniff liest, war es ein Fehler.

Gibt es noch ein einprägsames Erlebnis oder eine Anekdote, die es nicht in die Geschichte geschafft hat?

In Ribnitz-Damgarten, einer Stadt in der Nähe von Rostock,  habe ich mir ein Theaterstück angesehen, dass Jugendliche über Lichtenhagen 92 konzipiert hatten. Es war rührend anzusehen, wie sie das Thema einerseits brutal ernst nahmen und sich andererseits über die diffusen Ängste ihrer Eltern vor Überfremdung lustig machten. Außerdem bin ich in den eher düsteren Stunden meiner Recherche womöglich noch auf einen ungeheuerlichen Kriminalfall aus DDR-Zeiten gestoßen. Dazu kann ich jetzt aber noch nicht mehr sagen.

Christoph Dorner arbeitet als freier Journalist in Berlin. Für seine Reportage über Kleingärtner in Hoyerswerda wurde er mit dem Reporterpreis ausgezeichnet.