Belogen, besorgt, bewacht

Jochen-Martin Gutsch im Spiegel

Meine Lieblingsreportagen  

Ausgewählt von Vanessa Vu

Der Getriebene: Heike Faller, Die Zeit

“Der Getriebene” ist die älteste Reportage, die mir nachhaltig im Kopf geblieben ist. Für solche Geschichten – an den Gedanken erinnere ich mich noch – wollte ich Journalistin werden. Es geht mir dabei gar nicht mal so sehr um das Subjekt an sich, einen Mann mit pädophilen Neigungen, sondern um die respektvolle Art, mit der die Autorin ihren Protagonisten Jonas begleitet und beschrieben hat. Heike Faller erhebt nicht den Zeigefinger über etwas, das sich gesellschaftlich schnell verachten ließe. Sie lässt uns schmerzhaft daran teilhaben, wie Jonas es selbst tut. Wie er sich selbst hasst, wie er sterben will, wie er sich schämt und wie sein Leben ein ständiger, unsichtbarer Kampf ist: “Lust gegen Angst, Verlangen gegen Verantwortungsgefühl”. Jonas Welt ist so weit weg von meiner und doch komme ich ihm durch den Text menschlich nahe. Ich leide mit ihm, wenn ich höre, dass er glaubt, niemals so richtig glücklich werden zu können – zumindest nicht, wenn man romantische Liebe und erfüllenden Sex als Maßstäbe nimmt. Wenn er Rückfälle hat. Wenn er all seine Hoffnungen in eine neue Therapie steckt und sich seiner Familie anvertrauen will. Am Ende möchte ich mich eigentlich nur verbeugen vor dieser Lebensleistung, so sehr mit sich kämpfen zu müssen, und vor der Autorin, die mir dessen intimsten Gedanken und Momente näher gebracht hat und damit auch Verständnis und Empathie für Menschen mit diesem Leiden.

 

Malte Henk: Alles Zufall?, Die Zeit 

Viele Reporter können von außergewöhnlichen Begegnungen und Orten berichten, Malte Henk aber sah für eine Recherche in ein freigelegtes, pulsierendes Gehirn. An diesem spektakulären Ort beginnt sein Essay “Alles Zufall?”, den man allein schon für seine poetisch-lakonische Sprache und verständlichen philosophischen Exkurse lesen sollte. Wer an Hirntumoren, Terroranschlägen oder Blitzschlägen stirbt, bestimmt der Zufall. Das ist die Grundaussage des Textes. Aber auch andere zentrale Momente im Leben und das Weltgeschehen werden vom Zufall bestimmt. Und offenbar gibt es wenig, das wir Menschen so schlecht akzeptieren können wie diesen Umstand. Selbst Ratten könnten es besser. Also berufen wir uns auf Gott, Schicksal, eine trügerische Intuition oder lose Zahlen. Alles darf sein außer das Unberechenbare. Einfach nur den Zufall, schreibt Henk, “klingt wie eine Kränkung, irgendwie. Fühlt sich falsch an.” Bei solchen Worten fühle ich mich ertappt, dabei bin ich nicht mal religiös. Aber auch mir macht Chaos Angst. Bei diesem Gefühl holt mich der Autor ab, er bricht das abstrakte Unbehagen auf kleinste, warme Anekdoten herunter und macht es doch wieder überschaubar. Er nimmt uns vom OP-Tisch mit zu Kriminologen, Piloten, Historikern und einem Liebespaar. Sie bringen einen zum Nachdenken, aber nie zum Abschweifen – und am Ende dazu, das eigene Weltbild, ja, die eigenen Lebensziele zu überprüfen. Diesen Text lesen fühlt sich an wie unter einem Sternenhimmel liegen und stundenlang so verträumte, tiefgründige Diskussionen zu führen, dass man irgendwann am nächsten Morgen verwirrt und schwindelig in die Sonne blinzelt und das Gefühl hat, auf einer richtig langen, schönen Reise gewesen zu sein.

 

Annette Ramelsberger: Der Jahrhundertprozess, Süddeutsche Zeitung

Wie soll man eine Reportage über ein Geschehen schreiben, zu dem man über fünf Jahre lang nicht nur ab und zu, sondern Woche für Woche Material gesammelt hat, bis sich jeder rote Faden zerfasert hat und es bald wie das Wetter empfindet: “Man muss es nehmen, wie es kommt.” Ein Geschehen, zu dem man mindestens 12.000 Seiten Notizen hat, dazu unzählige Interviews und Hintergrundgespräche geführt hat? Wenn es in der Gegenwart so etwas wie Heldinnen im Journalismus gibt, dann wäre meine die Gerichtsreporterin Annette Ramelsberger von der Süddeutschen Zeitung. Im Essay “Dunkeldeutschland” (4.3.16) schrieb sie bereits auf, wie sie der Neonaziszene in den Achtzigern beim Entstehen zusah und brachte mich dazu, gemeinsam mit ihr über den heutigen Zustand zu erschrecken. Zwei Jahre später, in “432 Tage” (15.06.18), erzählte sie wortgewaltig, wie der NSU-Prozess sie persönlich zermürbt hat. Da ist davon die Rede, wie der Hass des Terrornetzwerks die Seele verätzte, Tropfen für Tropfen. Von der anfänglichen Wut, die sich wandelte in die “richterliche Duldungsstarre” und auf die Seele legte “wie ein Betondeckel.” Den krönenden Abschluss lieferte Ramelsberger zusammen mit SZ-Kollegin Wiebke Ramm kurz vor dem Urteil. Das Werk heißt “Der Jahrhundertprozess”. In fünf Kapiteln, interaktiv aufbereitet, erhalten Gericht, Angeklagte, Verteidiger, Kläger und das Urteil noch einmal eindrückliche Szenen, die nur Prozessbeobachterinnen mit dieser Ausdauer und der Beobachtungsgabe hätten machen können.

Vanessa Vu ist Redakteurin bei Zeit Online und Teil des „Rice and Shine“-Podcast. Ihre Reportage „Meine Schrottcontainerkindheit“ wurde mit dem Theodor-Wolff-Preis ausgezeichnet. Sie hat die Deutsche Journalistenschule besucht.