Schande, Trauma, AGB

Zwei Minuten Glück

Afrikas Jugend flieht. Nach Europa. Ihre Familien zählen auf sie. Wer am Mittelmeer oder im Balkan hängen bleibt, gilt als Gescheiterter: Die Schande zu Hause ist schlimmer als der Tod. Diallo will trotzdem zurück.

Fritz Schaap · Der Spiegel (€) · 30 Minuten

Alternativ auf Blendle lesen

 

Ein Jahr ohne Lea

Wie ist das, wenn dein Kind stirbt? Nicht wegen eines Unfalls oder eines Verbrechens, sondern weil dein Kind sterben will und sich selbst tötet? Ein Jahr nach ihrem Suizid suchen Leas Eltern noch immer nach einem Weg zurück ins Leben.

Pepe Egger · Tagesspiegel · 20 Minuten

 

Ich stimme zu

Wer seine Daten schützen will, meldet sich bei Facebook ab. Wem sie heilig sind, der liest AGB im Internet. Und zwar alle. Einen Monat lang. Bei so einem Experiment wird es sogar zur Qual, eine Pizza zu bestellen.

 Anna Mayr · Die Zeit · 15 Minuten

 


Satz der Woche

»Eine Fußballweltmeisterschaft musste über die Bühne gebracht werden, und wenn man es geschickt arrangiert, kann Fußball sogar dann gespielt werden, wenn im Folterkeller nebenan die Daumenschrauben stramm gezogen werden.«

Holger Gertz, Süddeutsche Zeitung

 


Meine Lieblingsreportagen
Jurek Skrobala, Jahrgang 86, schreibt am liebsten Reportagen über Pop, Kultur, Gesellschaft oder Abseitiges, zuletzt vor allem für Neon und den Spiegel. Verzweifelt er am Schreiben, liest er gern diesen Text von Maren Kames, über den da unten nur nichts steht, weil er keine Reportage ist. Foto: Evelyn Dragan für Neon

#

Bevor ich mich an die Auswahl dieser Texte setzte, aß ich ein Butterbrot, trank zwei Kaffee, begegnete zufällig einer Nachbarin und unzufällig meinem Friseur. Jetzt, Stunden später, habe ich die meisten kleinteiligen Handlungen des Morgens aber schon wieder vergessen. Janina Turek wäre das nicht passiert. Die Krakauerin hielt 57 Jahre lang in 728 Heften alles fest, was sie getan hatte, »wen sie wo zufällig getroffen und wem sie ‚Guten Tag’ gesagt hatte«, ohne aufzuschreiben, wie sie sich dabei fühlte. Mariusz Szczygieł hat die Hefte gelesen. Er wühlt sich in seinem Text, klug und mit Vorsicht, durch dieses Archiv der Nebensachen, stößt schließlich auch auf Postkarten, von Turek geschrieben, aber nie abgeschickt, auf denen sie »endlich mit ihrer eigenen Stimme« spricht. Ich mag Szczygiełs Reportage, weil sie keine Lehrbuchreportage ist. Sie ist mit Zahlen überladen, steckt voller Details, die willkürlich wirken, hier aber sprechen – als Details eines Lebens, das sich den Details verschrieben hat. »Das Handwerk des Lebens« ist geheimnisvoll, wühlt auf und überfordert zuweilen. Toll.

Mariusz Szczygieł · Das Handwerk des Lebens (Reality) · Die Presse (Gazeta Wyborcza) · 2006 (2001)

##

Noch ein Text übers Extrem, nur spielt der nicht in Krakau, sondern in der Antarktis. Und anders als Szczygieł, dessen Text als Film eher osteuropäisches Autorenkino wäre, böte David Granns »The White Darkness« wohl Stoff für eine teure HBO-Serie. Diese Reportage handelt vom pensionierten britischen Offizier Henry Worsley, der sich vornahm, die Antarktis zu durchqueren; eine Route, an der sein Held Ernest Shackleton hundert Jahre zuvor gescheitert war. »The White Darkness« ist ein Text, in dem man am liebsten die Worte umarmen würde, um sie zu wärmen, die klar gezeichneten Bilder, den unterkühlten Sound vom Südpol: »a chandelier of crystals hung from his beard; his eyebrows were encased like preserved specimens; his eyelashes cracked when he blinked. (…) One of his front teeth had broken off, and the wind whistled through the gap.« Dieses Porträt schafft das, was viele Porträts wollen. Es ist eben nicht nur ein Porträt, es ist auch eine Reportage über den Kampf gegen die Natur und gegen sich selbst, über unmenschliche Anstrengung und urmenschliches Versagen, ein Lehrstück über Verantwortung und Führungsstil. Und doch ufert »The White Darkness« nicht aus, ist in sich geschlossen wie ein Eisblock.

David Grann · The White Darkness · The New Yorker · 2018

###

Als »Ganz am Ende« erschien, lag der Tod meines Vaters ein paar Wochen zurück. Ich weiß noch, wie ich den Vorspann las und das SZ Magazin weglegte, weil mir das zu viel war – eine Reportage über den Tod, auch das noch. Dann las ich ihn doch. Und las ihn wieder. Die Klarheit und Präzision von Schulz’ Text gaben mir einen erträglich distanzierten Blick auf das, was ich Wochen vorher erlebt, aber nicht verstanden hatte. Und dass Schulz den Leser in seinem Text über den Tod mit »du« anspricht, fühlte sich plötzlich gut an. Das sind alle Dus, dachte ich, der Tod trifft halt jeden, er gehört dazu. Wenn ich das jetzt so schreibe, liest sich das nicht wie eine große Erkenntnis und klingt vielleicht komisch. Doch damals hat mir »Ganz am Ende« wirklich geholfen. Mir fällt keine andere Reportage ein, bei der das so war.

Roland Schulz · Ganz am Ende · SZ Magazin · 2016