Wochenauswahl 06.11.2020

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Unter Taliban

In Afghanistan stehen die Taliban kurz vor der Machtübernahme – wieder einmal. Wolfgang Bauer ist es gelungen, mit Genehmigung der Führer durchs Land zu reisen.

Wolfgang Bauer, Fotos: Andy Spyra · Zeitmagazin (€) · 30 Minuten

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Die Magglingen-Protokolle

Ins Leistungszentrum Magglingen fahren nur die besten Sportler:innen der Schweiz, es müsste ein Traum sein, dort trainieren zu dürfen. Stattdessen sagen acht Turnerinnen, die dort waren: “Es ist ein Wunder, dass sich keine von uns umgebracht hat.”

Christof Gertsch, Mikael Krogerus · Das Magazin (€) · 45 Minuten

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Wie ich gelernt habe, meine Zwangsstörung zu akzeptieren

Mit 13 begann das. Anna-Sophie Dreussi hatte Angst vor allem. Sie duschte drei Stunden lang, machte Fotos von ausgeschalteten Herdplatten und zählte ihre Schritte. Über die Kunst, Dinge dem Zufall zu überlassen.

Anna-Sophie Dreussi · Vice · 15 Minuten


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Satz der Woche

»Elf Monate später ist Lauterbach zu einem zuvor nie gesehenen Zwitterwesen aus Wissenschaftler und Politiker mutiert, das mit dem heiligen Antonius von Padua die Fähigkeit zu teilen scheint, an mehreren Orten gleichzeitig erscheinen zu können.«

Peter Dausend in seinem Karl-Lauterbach-Porträt „Der Besser-Wisser“ in der Zeit.

Wie haben Sie das gemacht?

Wie haben Sie das gemacht?

Emilia Smechowski, Jahrgang 1983, arbeitet als Redakteurin für das Zeit Magazin. Ihre Reportagen wurden mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Deutschen Reporterpreis. 2019 erschien bei Hanser ihr Buch „Rückkehr nach Polen“.

Emilia, du erzählst in deinem Stück „Hätten wir es ahnen können?“ die Geschichte des 19-jährigen Lion, der zum Mörder wurde. Du tust es aber nicht in klassischer Reportagenmanier, es ist eher ein riesiges Protokoll geworden. Es sprechen abwechselnd der Vater, die Mutter und die zwei Schwestern: Warum hast du dich für diese Form entschieden?
Ich habe die Familie recht schnell nach der Tat kontaktiert, und schon bei den ersten Treffen war es so, dass ich mich als Reporterin fast überflüssig gefühlt habe. Ab und an habe ich mal eine Frage gestellt, aber erstaunlich oft, erst recht, wenn mehrere Familienmitglieder zusammensaßen, liefen die Gespräche fast von allein. Die Idee, wirklich radikal auf das Material zu vertrauen und ausschließlich die Familie sprechen zu lassen, hatte dann meine Kollegin Heike Faller, die die Geschichte betreut hat. Ich bin auch jetzt noch sehr froh darüber. Ich finde, meine Autorenstimme brauchte es hier nicht.

Was war die größte Herausforderung bei dieser Herangehensweise?
Das Kürzen. Ich hatte Gespräche in der U-Bahn, auf dem Weg ins Gefängnis, Gespräche in den zwei Wohnungen der Familie, in der Wirtschaft, in Bars, im Supermarkt – aus zwei Recherchejahren. Im Grunde war ausreichend Stoff für ein ganzes Buch. Eigentlich bin ich ein großer Fan des Kürzens – aber bei dieser Geschichte hat es wirklich lang gedauert, dieses ständige Aussieben und Wegschmeißen von Stellen, die mir wichtig schienen. Auch das Aussieben und Wegschmeißen von Details, um die Familie zu schützen. Da waren Heike Faller und auch unsere Textchefin Anna Kemper eine wirklich große Hilfe.

Als Leser wünscht man sich oft eine Haltung der/des Schreibenden. Die hilft dabei, das Gelesene einzuordnen. Durch die Protokollform ist deine Haltung zur Familie aber kaum erkennbar. Hast du darüber nachgedacht, es deswegen anders zu machen – und was hat dich doch davon überzeugt, der Familie diesen Raum zu gewähren?
Das ist eine gute Frage, wird meine Haltung hier wirklich gar nicht klar? Und bedeutet Haltung nur, dass man die Protagonisten einordnet und bewertet? Oder meint Haltung auch Fairness, das Aushalten von Widersprüchen und Schmerz, weil eben nicht alles perfekt zusammenpasst? Eine Haltung war für mich auch, zu wissen, aus diesem Material würde der Boulevard eine ganz andere Geschichte stricken – es mir aber eben nicht so leicht zu machen. Wir diskutieren ja immer wieder (und seit zwei Jahren noch mehr als vorher) in Redaktionen und unter Kolleginnen, wie wir wahrhaftige, spannende Geschichten erzählen können. Ich finde, dazu gehört auch mal, die klassischen Reportageregeln zu brechen. Es ist schön, in Szenen zu erzählen, aber manchmal können Szenen auch etwas Künstliches, Verfälschendes haben, etwas Marionettenhaftes. Und: Wir sprechen hier ja auch über eine Straftat, die zu einem Prozess führte, und zu einem Urteil. Es gibt in dieser Geschichte also schon Richter. Ich wollte nicht eine weitere Richterin sein und ein zweites Urteil fällen.

Die Perspektive der Opfer kommt kaum vor. Warum?
Ja, das hat mich auch beschäftigt. Ich saß ja im Prozess, an jedem öffentlichen Verhandlungstag, und habe die Aussagen der Opfer mitbekommen. In der ersten Version des Textes waren sie zum Teil auch mit drin. Aber für die Form des Textes war das schwierig, weil dann die Autorin und die Leserinnen und Leser mehr wüssten als die Familie selbst, die ja nicht im Prozess saß. Deshalb habe ich mich am Ende dafür entschieden, wirklich konsequent aus ihrer Perspektive zu erzählen. Im Übrigen ist ja auch die Perspektive des Täters nicht drin. Ich habe Lion K. nach dem Urteil im Gefängnis besucht und ein längeres Gespräch mit ihm geführt, das ich dann nicht verwendet habe. Es sollte wirklich ausschließlich um die Familie gehen – die ja auf eine tragische Art irgendwie dazwischen steht: Die Eltern eines Mörders haben dieses Kind erzogen und sind gleichzeitig immer auch Opfer dieser schrecklichen Tat.

Der Vater von Lion verharmlost zum Beispiel ziemlich heftig den gemeinsamen Drogenkonsum mit seinem Sohn. Gleichzeitig erscheint er einem oft sympathisch. Hast du diese Ambivalenz bewusst so stehen lassen?
Ja. Es gab bei allen Ambivalenzen, es gibt sie bei uns allen. Ich finde, es ist die Aufgabe von uns Reporterinnen, diese herauszuschälen und auch auszuhalten.

Wenn du das sagen darfst: Wie bist du auf die Geschichte gestoßen? Und wie an die Familie heran getreten? Wie groß war deren Bereitschaft, mitzumachen?
Ich kann dazu nur sagen, dass ich die Familie vor der Tat flüchtig kannte. Ich habe am selben Tag von der Tat des Sohnes erfahren, durch Medienberichte im Internet. Und habe nach ein paar Tagen sowohl dem Vater als auch der Mutter einen Brief geschrieben, ob sie mit mir sprechen würden. Sie haben ziemlich schnell zugesagt.

Der Text ist wahnsinnig spannend. Wie hast du das hinbekommen? Welche Gedanken hast du dir zum Aufbau gemacht?
Der Aufbau war nicht so kompliziert, ich bin im Grunde der Reihenfolge der Gespräche gefolgt, habe nur zwischendrin welche weggelassen. Spannung entsteht natürlich auch durch das Thema – und dadurch, dass sich wirklich was bewegt, in den Köpfen der Protagonisten, aber auch im Außen durch den Prozess, das nahende Urteil und damit einhergehend ein Bild von der Zukunft, mit der die gesamte Familie dann leben muss. Und natürlich auch durch die Form, durch das gesprochene Wort. Die Familie hat einfach sehr gut und ehrlich gesprochen. All das ist ja nicht der Verdienst einer Autorin.

Warum glaubst du, ganz generell, fesseln uns diese True-Crime-Geschichten so sehr?
Ich kann nur sagen, warum sie mich fesseln. Es ist nicht das Blut, der Ekel, das Böse. Es ist das Menschliche. Der Moment, in dem ein Leben kippt. Verbrechen finden in allen Milieus statt. Wir alle haben Geheimnisse und Abgründe, auch wenn die Abgründe unterschiedlich tief sind. Den Reflex, mit dem Finger auf jemanden zu zeigen, zu sagen, also, ich wäre als Mutter ja viel aufmerksamer, sowas könnte in meiner Familie nie passieren, den hatte ich nie. Ein Leser hat sich beschwert, dass wir auf der ersten Titelseite geschrieben haben: „Eine ganz normale Familie“. Bis zu einem gewissen Punkt war die Familie das aber. Bis zu einem gewissen Punkt sind wir es alle.

Gibt es etwas, das du bei dieser Recherche über das Handwerk des Schreibens gelernt hast?
Etwas Banales, was mir nochmal sehr klar geworden ist: Wie wichtig es ist, während der Recherche alles ganz genau zu dokumentieren. Ich tippe am Ende wirklich jeden einzelnen Satz eines Gesprächs ab. Das ist wahnsinnig ermüdend, und ich schaffe es dennoch nicht, diese Arbeit einem Computerprogramm zu überlassen. Weil ich am Ende eine Sicherheit habe, die mir niemand nehmen kann, ein Gefühl für die Menschen, über die ich da schreibe. Nur so, finde ich, kann man diese große Verantwortung, die wir gegenüber unseren Protagonisten haben, irgendwie aushalten.

Das Gespräch führte Marius Buhl.