Schatten, Licht, Staub

Moritz Herrmann in „Ballermann im Sauerland“ darüber, was passiert wenn 6.000 Sauftouristen ein Dorf überfallen.

Herr Laubmeier, Sie haben einen sehr persönlichen Text über den Umgang mit dem Tod Ihres Vaters geschrieben. War es Ihr Wunsch, diesen Text zu schreiben – oder musste Sie jemand überzeugen?

Ich musste mich selbst überzeugen. Mein Vater ist vor zehn Jahren bei einem Unfall ums Leben gekommen. Seitdem rolle ich diesen Text vor mir her. Im letzten Jahr haben sich Momente gehäuft, die mir sagten, dass die Zeit gekommen ist, darüber zu schreiben. Einer dieser Momente war die Lesung von Mareike Nieberding, die ihr Buch „Ach, Papa“ vorgestellt hat. Als ich dort im Publikum saß, habe ich gemerkt, dass meine Realität ganz anders ist als die, die im Buch beschrieben wird – und dass mir das eigentlich gar nicht bewusst war. Ich habe es ja einfach für gegeben genommen.

Als Reporter berichten Sie normalerweise vom Schicksal anderer Menschen. Wie war es für Sie, sich selbst als Reporter gegenüberzustehen?

Journalisten werden dazu erzogen, neutral zu bleiben. Das geht nicht, wenn man über sich selbst schreibt. Ich war Befragter und Reporter zugleich, da kann man nie abschalten. Ich finde es falsch, wenn Menschen mir mit zu großem Beileid begegnen, wenn ich vom Tod meines Vaters erzähle. Aber das galt nun auch für mich. Ich musste mir unbarmherzige Fragen stellen – das ist wie sich selbst mit der Käsereibe zu bürsten.

Sie beschreiben sehr präzise Ihre Trauer, ein starkes Gefühl. Wie formuliert man Gefühle?

Ich habe in mich reingehört und mich gefragt, wie das klingt. Es lag nah, die Trauer mit einem Tinitus zu vergleichen. Aber ich wollte keine negative Beschreibung. Es ist eher ein Gefühl, dass manchmal auftaucht, und dann nehme ich es über Wochen nicht wahr. Manchmal ist es betäubend, manchmal einfach ein Teil von mir. Ich spüre die Abwesenheit meines Vaters, aber ich trauere nicht mehr im klassischen Sinn. Ich erinnere mich.

Wie haben Sie die Erinnerungen an die Zeit nach dem Tod wieder in sich hochgeholt?

Ich musste stark in mir graben, auch weil es mir an Beweismaterial gemangelt hat. Die Fotos waren rar. An Urlaube erinnert man sich leicht, aber wenn etwas Negatives passiert, fotografiert man das ja nicht mal eben. Also habe ich mich in die Zeit zurückversetzt: Ich habe die CD von Mark Knopfler gehört, die ich damals immer gehört habe, und gelesen, was ich damals geschrieben habe. Ich habe einfach nachgedacht. Meine Erinnerungen kamen mir vor wie diese Stofftücher, die Magier im Ärmel haben. Man sieht nur den Zipfel, aber eigentlich ist alles da. Ich habe sie nur aus mir rausziehen müssen.

Das klingt, als wäre Ihnen der Text leicht von der Hand gegangen?

Ich habe mich schon schwergetan, wie eigentlich bei jedem Text. Viele Erinnerungen musste ich erst wieder einordnen und gewichten. Nur kam bei diesem Text eine seltsame Gelassenheit gegenüber meinem möglichen Scheitern dazu. Ich wusste irgendwann, dass es schwer wird, und dass ich nicht alle Aspekte in diesem kurzen Text unterbringen kann. Aber das war egal – es ist ja mein Leben, mein Text. Ich hätte mir, und das habe ich Johannes Schneider, der den Text wirklich sehr geduldig und toll betreut hat, noch gar nicht gesagt, ein Scheitern leichter verziehen.

Johannes Laubmeier, freier Reporter, lebt in Berlin und schreibt Reportagen und Porträts unter anderem für Zeit Online, den Tagesspiegel und das Sunday Times Magazine.