Spalt, Schnitt, Schrott


Lieb mich oder stirb

Als ihre Beziehung vorbei ist, schießt Mattia auf Alba Chiara, dreimal in den Körper, einmal in den Kopf. Dann auf sich selbst. Der Mord spaltet ihr Heimatdort am Gardasee. Die einen sehen ein Opfer. Die anderen zwei.

Margherita Bettoni · Reportagen (mit Registrierung) · 30 Minuten

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Der Streitsucher

Als Merkel sagte: Wir schaffen das, sagte Boris Palmer: Wir schaffen das nicht. Tübingens grüner Oberbürgermeister sieht sich als Rebell gegen verträumte Sozialromantiker. Woher kommt das? Eine Antwortsuche unter Apfelbäumen.

Patrick Bauer · SZ-Magazin · 25 Minuten

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Die Schrottautos auf Berlins Straßen 

Moos wächst auf dem Blech der Autos, sie rosten vor sich hin. Anwohner, die jahrelang jeden Tag an ihnen vorbeigehen, wissen: Das ist Schrott und muss weg. Aber sie haben die Rechnung nicht mit dem Amt gemacht.

Lars Spannagel · Tagesspiegel · 15 Minuten

 


 Satz der Woche

»Der Frankfurter Kranz sieht aber nicht nur altmodisch aus, er schmeckt auch noch so: nach süßer, fetter Buttercreme. Die ist heute so was wie Braunkohle für den Körper: liefert zwar Energie, aber mit unerwünschten Nebenwirkungen.«

– Friederike Haupt in der „FAS“

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Meine Lieblingsreportagen  

Ausgewählt von Moritz Herrmann

 

Hunter S. Thompson – Scanlan’s Monthly – 1970

Die literarische Reportage hat es ja gerade ganz schwer, sie ist ein bisschen in Verruf geraten. Natürlich auch aus guten Gründen, das muss ich sagen. Ich möchte eine literarische Reportage empfehlen jetzt. Also vermutlich kennen alle die schon, wenigstens ihren Autor kennen alle. Das ist gar nicht originell, vielleicht sogar richtig dumm, Hunter S. Thompson zu verlinken, aber es muss sein. Darf ich? Ich verstehe diese Rubrik der Lieblingsreportagen biografisch, ich denke also jedes Mal, dass Reporterinnen und Reporter darin Reportagen beschwärmen, die sie ihren Beruf überhaupt erst haben ergreifen lassen. Als ich »The Kentucky Derby…« las, damals, es ist zu lange her, glaubte ich, so läuft das immer: Man zieht los und trinkt sich blöd, wird von einem Zeichner begleitet und darf sich auskotzen. Das ist dann nicht eingetreten, also nicht alles, mir wurde zum Beispiel noch nie ein Zeichner mitgeschickt.

Aber diese legendäre Reportage ist legendär nicht nur, weil sie den bösen Gonzo-Journalismus mitbegründet hat, sondern, finde ich, weil sie zeigt, dass man sich doch manches trauen darf als Reporter – und dass es manchmal besser als schlechter ist, selbst Akteur zu werden. Es war, als würde man einen Fahrstuhlschacht hinabfallen und in einem Pool voller Meerjungfrauen landen, hat Thompson mal über seine und Steadmans, ähm,  Recherche gesagt. Ich empfehle sie in Englisch aber nicht, weil, jetzt kommt das Cineastenidiotenargument, »bei der Übersetzung ganz viel verloren geht«, sondern weil ich sie nur so im Internet gefunden habe. In Büchern gibt es sie auch auf Deutsch und das liest sich genauso gemein.

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Wirt nichts mehr:
Sonja Hartwig – DIE ZEIT – 2014

Ich mag Kneipen. Und ich mag Kneipenreportagen. Und am allermeisten mag ich Texte von Sonja Hartwig, und zwar auch dafür, dass sie ihren Protagonisten immer ganz viel Raum gibt, also wirklich Platz, viele, viele Zeilen, die diese Menschen so vollsprechen dürfen, wie sie nun mal sprechen. Ich kann das nicht so gut und ich glaube, viele andere Reporter auch nicht. Wir hängen zu sehr an dem, was wir für unseren Stil halten, behaupte ich jetzt mal. Dieses Porträt einer abgefuckten Kneipe auf St. Pauli, die untergeht, weil ihr Wirt Krebs hat und aber eigentlich der ganze Kiez auch Krebs hat, jedenfalls der alte – doch, das ist richtig gut. Im Großen und im Detail. Das sage ich nicht nur als Hamburger.

Es war ein enges Rennen in der Kneipentextkategorie, z.B. gegen »Geh nicht kaputt« von Friederike Haupt, »Das Wahllokal« von Lucas Vogelsang oder Marc Fischers Fiktion »Ein Fegefeuer namens Berlin«, aber Sonja Hartwig gewinnt bitte, auch wegen solcher Sätze: »Dritter Hocker, gleich neben der Tür, das wurde Carolas Stammplatz, da sah sie jeder sofort, und wenn’s stickig war, gab’s da noch die beste Luft.« Man hat am Ende Bierdurst und ist traurig, das ist beides auch wichtig bei einer Kneipenreportage.

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Pass auf dich auf:
Alexander Gorkow – SZ – 2012
Ich habe Gorkows Text beim Erscheinen irgendwie verpasst und danach leider auch lange. Ein guter Freund fragte vor ziemlich genau einem Jahr: Wie, du kennst den Text von Gorkow über Bill Withers nicht? Ich habe den Text seither aber unfassbar oft gelesen, so oft, dass die Jahre der Leere hoffentlich wettgemacht sind. Dieses Porträt lese ich, wenn ich mich selbst motivieren will zum Schreiben, ich lese es aber auch, wenn ich mich deprimieren will nach dem Schreiben. Weil natürlich nichts so gut klingt wie dieser Text und erst recht nie irgendetwas so gut klingen wird wie das, was Bill Withers in die Welt gesungen hat.Dieser Text ist ein guter Freund, Withers‘ Musik ist ein guter Freund und der Freund, der mir den Text empfohlen hat, damit ich ihn hier empfehlen kann, ist also auch ein guter Freund.
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Moritz Herrmann, 1987 geboren, ist freier Reporter aus Hamburg. 2018 gewann er den Reporterpreis für die beste Sportreportage. Er hat ein chronisches Lungenleiden, aber noch kein Buch geschrieben.