Unsere Favoriten 2016


Valerie Schönian
empfiehlt

Dass »Risse in der Fassade« eine gute Reportage ist, merkt man daran, dass man vorne anfängt, hinten aufhört und sich auch vom Handyvibrieren zwischendurch nicht ablenken lässt. Jana Simon erzählt die Geschichte einer Schule in Gera und wie sich die große Politik dort auswirkt: Flüchtlingskrise, Terror, AfD liegen »wie Blindgänger in den deutschen Klassenzimmern.« Da ist zum Beispiel die Lehrerin, die ihre Schüler aufklären will und Flüchtlinge für ein Theaterstück an die Schule holt. Da ist der Schüler, der daraufhin aus der Theater-AG aussteigt. Die Sympathien, Gut und Böse, sind am Anfang des Lesens schnell verteilt. Aber irgendwann stolpert man über sich selbst. Jana Simons Text fragt: Wie weit darf man gehen im Glauben für das Gute zu kämpfen? Und wie kämpfe ich für Vielfalt, ohne andere Meinungen zu beschränken? Eine Frage, die ich 2016 oft mit Freunden diskutiert habe, wobei ich immer wieder diesen Text zitierte. Daher ist »Risse in der Fassade« für mich nicht nur eine gute Reportage, sondern eine beste: weil ich über keine andere öfter gesprochen habe.

Risse in der Fassade · Jana Simon · Zeit-Magazin · 30 Minuten

 


Björn Stephan empfiehlt

Es gibt viele gute Texte, es gibt einige sehr gute Texte, aber es gibt nur sehr wenige Texte, die fliegen. Es ist nicht immer leicht zu erklären, warum das so ist. Warum die einen Texte fliegen können und die anderen nicht einmal abheben. Natürlich braucht es einen fantastischen Autor, der eine fantastische Geschichte erzählt. Aber das allein ist es nicht. Es ist etwas anderes, dass einen diese Texte nicht mehr vergessen lässt. Etwas, das nur sehr schwer zu ergründen ist, wahrscheinlich etwas, das zwischen den Zeilen steht. »Machs gut, Dose« aus dem Tagesspiegel ist so eine Geschichte. Lena Niethammer erzählt darin von einem Mann, der sich »Dose« nennt. Alles beginnt mit einer Anzeige: »Ich bin einsam und wünsche mir nur eine einzige Person, die mit mir in den Zoo geht«, schreibt Dose. Lena Niethammer trifft Dose, über Monate, immer wieder, dabei ist sie sich nicht einmal sicher, ob sie seine Geschichte überhaupt erzählen will. In der besten Passage sagt Dose: »Eigentlich ist das doch was Schönes. Weil: Wir treffen uns halt trotzdem. Das ist nicht nur für einen Text.« Lena Niethammer hat diesen Text dann doch geschrieben. Ein Glück!

Machs gut, Dose · Lena Niethammer · Der Tagesspiegel · 30 Minuten

 


Matthias Bolsinger 
empfiehlt

Erwin Koch, das ist ja kein Geheimnis, ist ein Meister seiner Zunft. Ein Reporter, der wie nur wenige andere seine Geschichten zu durchdringen und souverän zu erzählen vermag. Seine Texte sind von seltener Schönheit. Und oft so traurig und schrecklich, dass einem beim Lesen übel werden kann. Genau solch ein Text ist »Carlota«. Er legt große Themen unters Mikroskop: Männermacht und Männergewalt. Koch schildert die Geschichte von Carlota N., einer Portugiesin, Ehefrau und Mutter, die in einem »Sonderheim für jugendstrafrechtliche Maßnahmen« in der Schweiz als Putzkraft anheuert. Dort trifft sie auf ihren Chef, der sie missbraucht – und damit zerstört. Der Text ist, wie sein Untertitel sagt, das »Protokoll einer Vernichtung«. Und Koch notiert es in Sätzen, die wie Schläge in die Magengrube sind. Unerträglich. Solche Texte sind streitbar. Auch bei uns rief »Carlota« gemischte Reaktionen hervor. Da war ich, der Fan, gewohnt begeistert. Da war aber auch die Kollegin, die den Text als »Elendsporno« bezeichnete. Vielleicht ist das gar kein Widerspruch. Vielleicht lebt die Sozialreportage genau von dieser Spannung zwischen kraftvoller Anklage gegen herrschende Zustände und der unterschwelligen Faszination, die diese auf den Leser ausüben. Koch treibt diese Spannung auf die Spitze, deshalb ist »Carlota« ein großer Text. Und gehört für mich zu den besten Reportagen des Jahres.

Protokoll einer Vernichtung · Erwin Koch ·Welt am Sonntag · 30 Minuten

 


Margarethe Gallersdörfer empfiehlt

Die Schlacht ist längst entschieden: Malu Dreyer, nicht Julia Klöckner ist Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz. Doch »Frauenlauer« lohnt sich immer noch. Weil es das erste Mal war, dass sich in einer deutschen Landtagswahl zwei Frauen gegenüberstanden. Weil der Wahlkampf deshalb anders war als alle anderen. Und weil es mir immer noch den Atem raubt, wie kühl Lara Fritzsche beobachtet und sie in Worte gefasst hat: die kleine Gemeinheit, die alles verändert. Die zu verleugnen so verdammt einfach ist: »Ein Mann ist ein leeres Blatt Papier. Eine Frau ist kein leeres Blatt, sie ist eine Abweichung vom Normalzustand. (…) Das Blatt Papier, das sie ist, hat die Farbe rosa. Alles, was man darauf schreibt, sieht anders aus als auf einem weißen Blatt Papier. Blaue Tinte wirkt lila. (…) Aus konsequent wird zickig. Aus realistisch wird verbittert. Aus attraktiv wird Barbie. (…) Politikerinnen müssen all diese Verfärbungen immer mitdenken.« Fritzsche hat für »Frauenlauer« den Reporterpreis in der Kategorie »Bester Essay« bekommen. Warum? Lesen!

Frauenlauer · Lara Fritzsche · SZ-Magazin · 30 Minuten

 


Florian Schmidt empfiehlt  

Es ist weniger das Thema, das Maris Hubschmids »Der Herr der Dinge« zu einem herausragenden Artikel macht. Vielmehr zeichnet ihn die Nähe zum Protagonisten aus – die Nähe zu Bernhard, 63, alleinstehend und das, was der Volksmund einen »Messie« nennt. Hubschmids Porträt glänzt vor allem durch seine Detailtreue. Die Reporterin beschreibt nicht nur, welch skurrile Dinge sich in Bernhards Wohnung finden (Gummikotze, leere Milchtüten), sie erzählt vor allem die Anekdoten, die mit ihnen verbunden sind. Mosaikartig setzt sie so ein Bild zusammen, verknüpft Gerümpel und Schnickschnack mit Vorgeschichte und Ist-Zustand aus Bernhards Messie-Leben. Daneben sind es klare Sätze und prägnante Erklärungen, die hängen bleiben. So beschreibt Hubschmid Bernhards Wohnung etwa als »Obdachlosenheim für Gegenstände«, erläutert, sein »Maßstab ist nicht, ob er etwas brauchen kann. Bernhards Maßstab ist, dass etwas noch brauchbar ist«. Obwohl das Phänomen Messie längst jedem bekannt ist, gelingt es ihr so – nicht zuletzt sprachlich! – neue Perspektive auf Menschen wie Bernhard zu werfen.

Der Herr der Dinge · Maris Hubschmid · Tagesspiegel · 15 Minuten

 


Cecilia T. Fernandez 
empfiehlt

Texte, die mehr Fragen aufwerfen, als sie beantworten, frustrieren mich meistens. Aber nicht immer. Ein Beispiel ist Malte Herwigs Reportage »Mama ist tot«: Herwig schildert darin einen unfassbaren Kriminalfall. Eine Frau verhungert und verdurstet – auf ihrer eigenen Couch. Während ihr Mann und ihre Tochter sich die Wohnung mit ihr teilen. Wie konnte es so weit kommen, fragt Herwig natürlich. Seine Antwort setzt sich aus Bruchstücken zusammen: erschütternde Familienanekdoten, die erst zusammengesetzt das Verbrechen als Kulmination einer zerstörerischen Spirale aus Alkoholsucht, Demütigung und Hilflosigkeit zeigen. Es bleiben Fragen, auf die Herwig keine Antworten findet: Wie viel kann eine Familie ertragen? Ist man verpflichtet, einem Menschen zu helfen, auch wenn er keine Hilfe will? Wer ist hier Opfer, wer Täter – wer beides? Der Text steht zu seinen Leerstellen; dazu, dass man viele Einzelheiten einer Geschichte kennen kann und doch nicht verstehen, warum sie sich ereignen konnte. Das ist nicht nur mutig, sondern auch ehrlicher als vermeintlich einfache Antworten, die Komplexitäten übermalen und Kohärenz herstellen, wo keine ist. Solche Fragen darf und muss man Lesern zumuten. 

Mama ist tot · Malte Herwig · Stern Crime · 25 Minuten

 


Tin Fischer 
empfiehlt

Zugegeben: Ich war nicht der fleissigste Reportagen-Leser. »Wie bitte?!«, werden Sie jetzt rufen. Keine Sorge: ich habe gelesen, was ich musste. Aber täglich beschäftigt hatte ich mich mit Statistiken. Kurven analysieren, Berechnungen machen, der Wissenschaft zuarbeiten. Die Reportage »Wo ist MH370?« riss mich aus meiner kalkulierbaren Welt. Sie handelt von der Suche nach dem Malaysia Airline-Flieger, der im Indischen Ozean verschollen ist. Aber das ist nicht so wichtig. Sie könnte von jeder anderen zermürbenden Suche handeln. Ihr Protagonist: Blaine Gibson, reicher Erbe und ruheloser Abenteurer, der auf eigene Faust nach dem Wrack sucht. Aber während die Forscher ihren Berechnungen vertrauten und vor Australien suchten, vertraute Gibson anekdotischen Augenzeugenberichten und suchte vor Afrika. Und dann tauchten im Wasser diese Teile auf – vor Afrika. Diese Reportage ist vor allem eine Parabel. Auf (aber nicht gegen) die Wissenschaft. Auf das (wenn auch nicht blinde) Vertrauen auf Intuition. Auf die ungleichen Geschwister Berechnen und Beobachten. Ich dachte oft an diese Geschichte.

Wo ist MH370? · Bastian Berbner · Die Zeit · 45 Minuten