Unsere Jahresfavoriten

 

Liebe Leserinnen und Leser,

Reportagen.fm, das sind wir, sieben lesebegeisterte, junge Journalisten, die jede Woche drei Reportagen empfehlen. Wir hier:

Mehr als 150 Geschichten verlinken wir pro Jahr. Heute jedoch empfiehlt jeder von uns die Geschichte, die ihn oder sie 2015 am meisten berührt oder begeistert hat, die uns aufgeregt oder es uns angetan hat.

Wir wünschen einen guten Start ins neue Jahr und einen Rückblick ins vergangene mit diesen sieben hervorragenden Reportagen:

 

Björn Stephan empfiehlt:
Drei Krieger

Ich wollte keine Geschichten mehr über Afghanistan lesen. Ich dachte über Afghanistan wurde alles erzählt. Dann las ich diese Reportage von Jan-Christoph Wiechmann. Es geht um das schwerste Gefecht der Bundeswehr, vor fünf Jahren in Isa Chel. Es geht um drei Männer, deren Wege sich kreuzen. Es geht um Mutschke, Habib, und LaCrosse. Einen Bundeswehrsoldaten, einen Taliban-Kommandanten und einen Piloten der US Army. Einer verliert ein Auge, einer seine Kämpfer, einer seine Seele. Die Geschichte ist großartig, weil Wiechmann warten kann. Er nimmt sich fünf Jahre Zeit. Er reist nach Kalifornien und Maine, in die Niederlausitz und Oberpfalz, nach Kabul und Kundus. Die Geschichte ist großartig, weil Wiechmann so gut erzählen kann. So dicht und dramaturgisch so klug wie ein sehr guter Film. Und wenn man die Geschichte liest, hat man das Gefühl, er hätte über jede Nebenfigur einen eigenen Film drehen können. Ein großer Text.

Jan-Christoph Wiechmann · Drei Krieger · Stern

 

Florian Schmidt empfiehlt:
Mehr als Schläge

Es ist ein Tabuthema, über das Männer gern schweigen. Vielen ist es peinlich zu erzählen, was im heimischen Wohnzimmer von statten geht. Zu erniedrigend finden sie es zuzugeben, dass sie geschlagen werden – von der eigenen Ehefrau. Maris Hubschmid hat dennoch einen Betroffenen gefunden, der nicht schwieg. Sie berichtet über Udo und Renate; eine Geschichte, die mich schockierte und zutiefst bewegte. Immer wieder drischt Renate auf Udo ein, übergießt ihn mit kochendem Wasser, beschimpft, beißt und tritt ihn. Udo lässt alles über sich ergehen, schlägt bis zuletzt nicht zurück. Inhaltlich ist es eine Reportage über ein gesellschaftliches Randphänomen, das nur selten Eingang findet in die großen Journale und Magazine. Sprachlich reizte mich der Text, weil Hubschmid mit nur wenigen wörtlichen Zitaten eine greifbare Nähe zu Udo aufbaut. Wirklich gefesselt hat mich die Erzählung aber erst durch die Spannung, die mit jeder Zeile zunimmt und in einer unerwarteten Schlusswendung meisterhaft ihren Höhepunkt findet.

Maris Hubschmid · Mehr als Schläge · Tagesspiegel

 

Jonas Breng empfiehlt:
Die Schlachtordnung

Die Geschichte beginnt mit dem nackten Überleben: »Such dir eine Mulde im Boden, über die der Wind hinwegweht. Zieh alles an, was du hast. Hab keine Angst vor der Dunkelheit. Hab keine Angst vor Tieren.« Wenn ein Text so anfängt, denkt man schnell an die sibirische Wildnis, nicht an Niedersachsen. Doch genau dort spielt die Geschichte. Anne Kunze erzählt vom Schicksal der sogenannten Waldmenschen. Rumänische Arbeiter, die tagsüber in den großen Schlachtbetrieben Niedersachsens schuften und sich nachts zum Schlafen im Wald zusammenkauern wie wilde Tiere. Ohne Dächer und ohne Schutz. Mich hat dieser Text lange beschäftigt. Auch weil ich Familie in der Region habe. Ich kenne die geleckten Vorgärten, die ganze Reetdachtidylle. Von der Schattenwelt, von der Kunze erzählt, wusste ich nichts. Kunze begnügt sich aber nicht mit einer klassischen Investigativgeschichte. Sie schildert das System aus Ausbeutung und Schlachtabfälle so eindrücklich und präzise, dass einem die Kälte selbst in die Kleider kriecht. Am Ende hat man viel gelernt. Auch über Deutschland.

Anne Kunze · Die Schlachtordnung · Zeit

 

Margarethe Gallersdörfer empfiehlt:
Reihe 7 Platz 88

Ein komischer Heiliger ist der Protagonist meines Lieblingstextes. Komisch, und gefährlich: Udo Voigt ist seit 2014 der einzige NPD-Abgeordnete im EU-Parlament. Tobias Haberl hat ihn ein Jahr lang begleitet – und mich daran erinnert, warum das Porträt mein journalistisches Lieblingsformat ist. Denn Voigt ist, klar, ein widerlicher Typ, der Plakate mit der Aufschrift „Gas geben“ aufhängen ließ und wegen Volksverhetzung und Verherrlichung der SS verurteilt wurde. Er ist aber auch ein Mann mit echten Überzeugungen, den es bedrückt, wenn alte Freunde sich von ihm lossagen. Facetten, die ich bisher nicht kannte – weil wohl die meisten Journalisten keine Lust haben, dem Menschen hinter dem Nazi Raum zu geben. Tobias Haberl war furchtlos. Er hat sich auf Voigt eingelassen. Er hat seinen Protagonisten nicht verraten, keinen Verriss geschrieben. Wie gut! Denn meine Meinung über die NPD und ihre Mitglieder ist nach der Lektüre die gleiche wie vorher. Aber ich habe endlich mal etwas verstanden über Menschen wie Udo Voigt.

Tobias Haberl · Reihe 7 Platz 88 · SZ-Magazin

 

Matthias Bolsinger empfiehlt:
Ene, mene, muh, und raus bist du 

Die beiden Kitas in Berlin-Schöneberg, im Bülow- und Akazienkiez, sie sind nur 800 Meter voneinander entfernt – und doch trennen sie Welten. Während die Hevals, Huseins und Habibs in der Bülow-Kita ihre Zukunft verlieren, noch ehe diese beginnt, stellen die umsorgten Leons, Lillis und Leandras im Akazienkiez die Weichen für ein erfolgreiches Leben. Reporter Karl Grünberg hat die Orte nicht nur besucht – er hat dort jeweils gearbeitet. So lernt er sie alle kennen, die beharrliche Erzieherin, das verhaltenauffällige Kind, den desillusionierten Sozialarbeiter. So versteht er, anstatt nur zu beschreiben. Das ist mutig und lesenswert. Eine Lokalreportage, wie ich sie liebe: Sie öffnet unsere Augen für das, was wir nicht sehen, obwohl es vor unserer Haustür geschieht. Und sie zeigt, dass es kein vermeintlich „großes“ Thema braucht, um eine große Geschichte zu schreiben.

Karl Grünberg · Ene, mene, muh, und raus bist du · Tagesspiegel

 

Tin Fischer empfiehlt:
Unicef und Blutgold

Diese Reportage hat keine Szenen, keine Berichte vom Krieg, es fallen keine Schüsse, es wird nicht beschrieben, wie man illegal Gold schürft – auch wenn sie von all dem handelt. Wir lesen stattdessen Tischgespräche. Es geht um die Frage, ob die in der Schweiz ansässige Goldraffinerie Argor-Heraeus des Chefs von Unicef Deutschland wissentlich von kongolesischem Blutgold profitierte. Juristisch ist die Schuldfrage geklärt. Die Schweizer Bundesanwaltschaft hat das Verfahren eingestellt (wenn auch dafür Kritik geerntet, siehe: «Politische Justiz zum Schutz wirtschaftlicher Interessen»). Aber moralisch? Ich habe die Reportage über die Feiertage gelesen, als ich bei meiner Familie in der Schweiz war. Sie beschäftigte mich, weil sie auch das Denken in der Schweiz beschreibt. Wo ohne Druck von Aussen gedanklich kaum etwas passiert. Wo relativiert und kleingeredet wird. Gegenüber der Schweizer «Wochenzeitung» beklagt nun der CEO von Argor-Heraeus, die Reportage sei «in Recherche, Aufbau und Tonalität stark tendenziös». Ein grosses Kompliment. Was sonst sollte eine Reportage sein? Neutral wie die Schweiz? Das wäre moralisch fragwürdig.

Franchini / Grassegger / Puntas Bernet · Unicef und Blutgold · Reportagen

 

Valerie Schönian empfiehlt:
Brunners letzte Fahrt

In dieses Zeit-Dossier wollte ich bloß kurz reinschauen, einfach nicht mein Thema: Verkehrssicherheit, die Deutschen, ihre Autos. Aber ich las weiter. Las die Geschichte von Karl Brunner, 79, der ein einsames Rentnerleben führte, was keinen weiter interessierte. Bis zu dem Tag, als er falsch auf die Autobahn fuhr, einen Unfall verursachte und vier Menschen starben. Im Radio ist das nur eine Unfallmeldung, die zur Verkehrsmeldung wird. Henning Sußebach aber fragt, warum das passiert ist. Er erzählt die Geschichten der Menschen dahinter, der Überlebenden, der Toten. Gleichzeitig schreibt er eben nicht nur einen tragischen Einzelfall auf. In dem Text treffen Menschen auf Gesetzmäßigkeiten. Sodass man beim Lesen denkt: Ja, ja. Ja: stimmt. Das habe ich so noch nicht gesehen. So überrascht mich ein Text selten.

Henning Sußebach · Brunners letzte Fahrt · Zeit