Utopie, Paradies, Garten Eden


Jenseits von Eden

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„Hömma, is dat nich schön?“

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Er ist Marx, aber kein Marxist

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Wie haben Sie das gemacht?

Charlotte Theile ist die Schweiz-Korrespondentin der Süddeutschen Zeitung. Mit uns hat sie über ihre Reportage „Als wäre nichts geschehen“ gesprochen, in der sie einen Skandal nachzeichnet, der die Schweiz erschüttert hat: Eine junge Grünen-Politikerin verdächtigt einen konservativen Politiker, sie vergewaltigt zu haben.

Charlotte Theile, warum haben Sie sich entschlossen, den Fall von Jolanda Spiess-Hegglin für das SZ-Magazin aufzuschreiben?
Ich habe im Januar 2015, kurz nach dem Bekanntwerden, einen kurzen Text für die SZ verfasst: Zwei aufstrebende Politiker, die sich bei einem Fest näher kommen. Am nächsten Tag wird er festgenommen: Verdacht auf Schändung unter Einfluss von K.o.-Tropfen. In den Monaten darauf habe ich beobachtet, wie die Schweizer Medien über die „Zuger Sex-Affäre“ berichtet haben. Zunächst hatte sie die Sympathien auf ihrer Seite, doch das änderte sich bald. Dass hier der Vorwurf Vergewaltigung im Raum stand, schien keine Rolle mehr zu spielen. Jolanda Spiess wurde zur Witzfigur, eine rechte Partei baute sogar K.o.-Tropfen-Witze in ihren Wahlkampf ein. Das hat mich irritiert – schließlich gab es Ungereimtheiten. Zum Beispiel die DNS von Markus Hürlimann, die im Intimbereich von Spiess-Hegglin gefunden wurde, was seinen ersten Aussagen widersprach. Zudem habe ich mich gefragt, was die Politikerin dazu treibt, die Sache immer weiter zu verfolgen, warum sie sich immer wieder an die Medien wendet. Im Herbst habe ich Kontakt zu ihr aufgenommen und mir die Akten zu dem Fall angeschaut. Mein Fokus war damals eher investigativ. Ich habe versucht, Spuren nachzugehen: Ich habe mit dem Taxifahrer, der sie und den Beschuldigten möglicherweise nach Hause gefahren hat, gesprochen, mit forensischen Ermittlern. Aus diesen Indizien ist ein Bild entstanden – aber keine Gewissheit. Fest stand nur: Ein Vier-Augen-Delikt, zwei unterschiedliche Geschichten, kein Nachweis von K.o.-Tropfen. In den Monaten darauf habe ich losen Kontakt mit Jolanda Spiess gehalten. Im Sommer 2017 habe ich mich dann entschieden, eine andere Geschichte zu erzählen: Die einer Frau, die es geschafft hat, aus einem Trauma etwas Neues zu machen.

Bei einem Polit-Skandal, der seit 2014 läuft, muss es Unmengen an Material für eine Reportage geben. Wie haben Sie es geschafft, hier den Fokus zu setzen?
Der Fokus hat sich ein paar Mal verändert, auch in den letzten Monaten noch. Es gab immer wieder neue Ereignisse: Jolanda Spiess wurde im November 2017 von Markus Hürlimann verklagt, nahm wieder Medikamente und war kaum noch ansprechbar. Dann einigten sich die beide auf eine Schweigeverfügung – ein völlig anderes Setting, auch für mich als Reporterin. Es gab auch andere Turning Points: Als wir vom Tod des Taxifahrers erfuhren oder als sich ihr Mann dazu entschieden hat, mit mir zu sprechen. Außerdem hatte ich aus den Akten und Gesprächen so viele Informationen zusammengetragen, dass ich beim Redigieren vor allem eines gehört habe: „Das müssen wir rauslassen, das führt zu weit.“ Das war manchmal frustrierend, wenn ganze Szenen und Recherche-Ergebnisse rausgeflogen sind, aber für die Geschichte besser (danke ans SZ-Magazin und an Lara Fritzsche).

Was muss man als Reporterin beachten, wenn man über einen unbewiesenen Fall sexueller Gewalt schreibt?
Also neben den rechtlichen Dingen (beide Seiten kontaktieren, beide Versionen darstellen, Vermutungen nicht als Tatsachen verkaufen) fand ich es wichtig, klarzumachen, was ich nicht weiß. Natürlich hat man ein Bauchgefühl und darf auch ein Stück weit darauf vertrauen. Andererseits hatte ich gerade in dieser Geschichte den Eindruck, dass sich viele Reporter in der Schweiz zu sehr auf ihr Bauchgefühl und ihre Sympathien verlassen haben. Eigentlich weiß es ja jeder: Auch wer freundlich aussieht oder Mitgefühl verdient, kann sich schuldig gemacht haben. Einer der wichtigsten Sätze war für mich: Ich war nicht dabei.

Was hat Ihnen bei der Recherche die größten Schwierigkeiten bereitet?
Sowohl die Verantwortlichen im Kanton Zug als Markus Hürlimann wollten nichts zu der Geschichte sagen – wenn ich dort überhaupt etwas gehört habe, dann nur „unter Drei“. Das hat natürlich eine krasse Ungleichheit hineingebracht: Auf der einen Seite Jolanda Spiess, die ich jederzeit anrufen konnte, auf der anderen Seite eine Blackbox. Das habe ich versucht, zu berücksichtigen, aber es ist natürlich nicht das, was man sich wünscht, wenn man die ganze Geschichte erzählen will.

Man merkt beim Lesen: Jolanda Spiess-Hegglin ist nicht zimperlich mit ihrer Privatsphäre. Hatten Sie manchmal das Gefühl, Sie müssen Ihre Protagonistin vor sich selbst schützen?
Jolanda Spiess ist eine erwachsene Frau. Ich glaube, sie hat in den letzten Jahren gezeigt, dass sie sich selbst verteidigen kann. Von daher galten die Regeln der journalistischen Fairness, mehr nicht.

Was zeigt für Sie dieser Fall über die Schweiz?
Ob der Fall in Deutschland so nicht passiert wäre, kann ich nicht sagen. Auffällig fand ich, dass die Ermittler im kleinen Kanton Zug mit fast allen Zeugen per Du waren – aber das wäre schon im städtischen Kanton Zürich anders gewesen. Die Berichterstattung der rechtskonservativen Weltwoche – der Beschuldigte und der Verleger gehören der gleichen Partei an – hat sicher dazu beigetragen, den Ton, in dem über Jolanda Spiess berichtet wurde, mitzuprägen. Nachdem einmal von „Opfertheater“, einer angeblichen Trennung von Reto und Jolanda Spiess und einem einvernehmlichen Seitensprung („Techtelmechtel“) geschrieben worden war, griffen sehr viele Schweizer Zeitungen diese Deutung auf. Dass die Weltwoche später vor Gericht gegen Jolanda Spiess verloren hat, konnte dagegen nicht mehr viel an der öffentlichen Meinung ändern.