Wochenauswahl 03.01.2020

Ein Kreislauf der Gewalt

Stephen Wests Tat war grausam, Vergewaltigung und Doppelmord. Doch grausam waren auch die Schläge seiner Mutter, die er schon als Säugling bekam und die bei ihm zu einer schweren Schizophrenie führten. Wests Tod auf dem elektrischen Stuhl war nicht grausam, sagt zumindest ein Gericht in Tennessee.

Johanna Roth · taz · 15 Minuten Lesezeit

Der Mann, der seinen Körper verlor

Wenn Ian Watermans Frau ihm über den Rücken streichelt, spürt er das nur an der Wärme ihrer Hand. Er spürt auch nicht seine Füße, wenn er geht. Waterman hat seinen sechsten Sinn verloren, die Eigenwahrnehmung. Dass er trotzdem ein eigenständiges Leben führen kann, ist ein medizinisches Wunder.

Text: Ines Possemeyer, Fotos: Armin Smailovic · Geo · 15 Minuten Lesezeit (€)

Unter Brüdern

Nirgends ist Geschlechterdiskriminierung so mörderisch wie bei Hühnern: Pro Jahr werden in Deutschland 45 Millionen Küken getötet. Weil sie männlich sind und ihr Fleisch angeblich nicht schmeckt. Landwirt Ingmar Jaschok will alles anders machen und merkt, wie verdammt schwer das ist.


Josef Wirnshofer · Süddeutsche Zeitung · 10  Minuten Lesezeit (€)

 Satz der Woche 


»Einen Menschen an einen Stuhl zu fesseln und so lange Stromstöße durch seinen Körper zu jagen, bis er stirbt, erfordert vor allem eines: Bürokratie.«

Johanna Roth in ihrem Text „Ein Kreislauf der Gewalt“ in der „taz“

Wie haben Sie das gemacht?

Die Journalistin Anna Kemper hat mit uns über ihr Interview „Ich stand vor ihr wie vor einem Richter“ gesprochen. 2019 wurde sie dafür mit dem Reporterpreis ausgezeichnet. Sie ist Redakteurin des Zeit Magazins und der Zeit.

Frau Kemper, Sie haben Gertrud Haarer interviewt, die Tochter von Johanna Haarer. Was ist so spannend an der Person?

Johanna Haarer hat während der Nazi-Zeit Kinder- und Erziehungsbücher geschrieben. In ihren Ratgebern gab sie die Ideen des Nationalsozialismus und den Glauben an Adolf Hitler weiter, empfahl aber vor allem eine frühkindliche Erziehung, die im Prinzip darauf basierte, dass man Kinder vom ersten Tag an erziehen sollte. Man solle Säuglinge beispielsweise ignorieren, wenn sie Bedürfnisse artikulieren, die über die notwendigen Dinge wie füttern, wickeln und baden hinausgehen, um sie nicht zu verziehen. Oder sie nachts acht Stunden lang nicht stillen und allein lassen, auch wenn sie schreien. Haarers erstes Buch „Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind“ war ein absoluter Long-Seller, es wurde, zunehmend abgeschwächt, bis 1987 1,2 Millionen Mal verkauft. Sie hat die Erziehung in Deutschland geprägt. Deswegen wollte ich wissen, was für ein Mensch sie war, und wie sie selbst als Mutter war. Gertrud Haarer ist ihre jüngste Tochter. 

Wie lief das Interview ab? 

Ich habe Gertrud Haarer in Italien besucht, wo sie heute lebt. Wir haben im Prinzip einen ganzen Tag lang geredet. Ich hatte das Gefühl, sie wollte alles loswerden. Und zwar so, dass keine Fragen offenbleiben und sie danach nicht mehr darüber sprechen muss. Am nächsten Tag habe ich dann noch ein paar Nachfragen gestellt, die sich aus dem Gespräch ergeben hatten, und wir haben uns Fotos angeschaut. Später haben wir dann noch zwei oder dreimal telefoniert. Und dann habe ich das aufgeschrieben. 

Sie folgen in dem Interview einer Chronologie: Von der Kindheit Gertrud Haarers und ihrer ersten Erinnerung an ihre Mutter dem Tag bis zu deren Tod. 


Ich hatte ungefähr acht Stunden Material. Die große Herausforderung war die Struktur. Anders als bei anderen biografischen Interviews, bei denen man einfach chronologisch das Leben eines Menschen erzählt, musste ich hier drei Dinge erklären: Gertrud Haarer und Johanna Haarer sind ja nicht so bekannt, dass man irgendwelches Wissen bei den Lesern voraussetzen konnte, deswegen musste das Interview das Leben dieser beiden Frauen nachzeichnen. Und dann natürlich war ja noch der Inhalt von Johanna Haarers Büchern Thema. Ich habe beim Aufschreiben gemerkt, dass man da als Leser ohne Vorwissen leicht den Überblick verliert und dann noch erzählende Passagen zwischen die Interviewpassagen eingefügt, damit es verständlicher wird.
 
Warum hat Gertrud Haarer bei Ihrem Vorhaben mitgemacht?

Vor allem war es ihr ein großes Anliegen, die Bücher ihrer Mutter nicht unkommentiert stehen zu lassen. Sie möchte Menschen dabei helfen, einen neuen Blick auf ihre eigene Kindheit zu bekommen. Wir haben tatsächlich auch einige Leserbriefe von Leuten bekommen, die sagen, dieses Interview sei das letzte Puzzlestück gewesen, das ihnen helfe, ihre eigene Kindheit zu verstehen.

Inwiefern prägt Johanna Haarer die Erziehung in Deutschland bis heute?

Ich bin über ihren Namen gestolpert, als ich gerade in Elternzeit war. Wenn man selbst kleine Kinder hat, ist man für solche Erziehungsthemen natürlich besonders empfänglich. Man stellt sich einerseits selbst ständig die Frage, ob man alles richtig macht, und man kriegt auch jede Menge Erziehungstipps. Gerade von der älteren Generation hört man dann zum Beispiel oft, dass es in Ordnung sei, das Kind schreien zu lassen, dass es lernen müsse, auch mal allein zu sein und sowas. Und es gibt massenweise Ratgeberliteratur. Ich glaube, das es immer noch schwer ist, einfach seiner Intuition zu vertrauen. Und ich glaube, das kommt auch von Frau Haarers Lehren, die damals den Müttern die Intuition absprach, indem sie ihnen ganz klare Regeln vorgab, an die sich Mütter halten sollten.  

Ihr Gespräch wird schnell sehr persönlich. Hat Frau Haarer auf eine Autorisierung bestanden?

Es war mir enorm wichtig, eng mit Frau Haarer zusammenzuarbeiten und respektvoll mit ihr umzugehen. Es ist etwas anderes, wenn man mit einem Prominenten oder einem Politiker spricht, als mit einer Privatperson. Sie sollte nie bereuen müssen, sich auf das Interview eingelassen zu haben. Deswegen habe ich ihr von Anfang an erklärt, was ich genau vorhabe, wie das ablaufen soll, was danach auf sie zukommen kann und natürlich auch die Möglichkeit gelassen, am Ende nochmal drüberzuschauen. Ich hatte mich darauf vorbereitet, an einigen Stellen Kompromisse machen zu müssen. Sich als Privatperson so zu öffnen, erfordert Mut. Das muss niemand. Aber sie hat bis auf wenige Wörter hier und dort nichts verändert und keine einzige Passage gestrichen, auch nicht an den sehr persönlichen Stellen. 

Was hat Sie an dem Interview besonders bewegt?

Das war vor allem die Stelle, an der Gertrud Haarer erzählt, wie sie ihre Mutter gepflegt hat. Das fand ich sehr berührend und nachvollziehbar: Dass man die Nähe und die Anerkennung seiner Eltern sucht, obwohl man Schmerzhaftes erlebt hat. Ich hatte das Gefühl, dass sie am Ende ein gutes Verhältnis zu ihrer Mutter hatte. Plötzlich traute die Mutter ihr Dinge zu, plötzlich bestand da auch körperliche Nähe. Ich fand es schön, dass diese Frauen sich am Ende so nah waren. Und traurig, dass das erst so spät im Leben der beiden möglich war.

Am Ende fragen Sie Getrud Haarer, ob sie ihre Mutter geliebt hat. Die Antwort – fiel sie wirklich zum Schluss Ihres Treffens?

Nicht ganz zum Schluss. Aber erst am zweiten Tag, als wir uns nochmal getroffen habe, um einige Nachfragen zu klären. Erst da habe ich mich getraut, die Frage zu stellen: Haben Sie Ihre Mutter geliebt? Ich habe mich lange gefragt, ob ich diese Frage überhaupt stellen soll. Aber Frau Haarer fand es überhaupt nicht unpassend. Und dann hat sie eben diese Antwort gegeben: „Ja, doch. Doch, doch.“ Mit langen Pausen dazwischen.