Wochenauswahl 10.1.20

Die Gesandte des Konfuzius

Deutschland vergreist und es fehlt an Menschen, die Alte pflegen. China vergreist und es fehlt an Wissen, wie man Alte pflegt. Wu Feifei, 23, macht sich auf den Weg in ein Seniorenheim nahe Hannover, um es zu lernen.

Xifan Yang, Fotos: Raul Ariano · Die Zeit (€) · 30 Minuten Lesezeit

Die Stadt ist grün

In Görlitz war letztes Jahr Dauer-Wahlkampf: Europa, Stadtrat, Bürgermeister, Landtag. Und jeden einzelnen Wahlkampf hätte die AfD gewinnen können. Was macht das mit einer Stadt?

Elsa Koester, Fotos: Charlotte Sattler · Der Freitag · 30 Minuten Lesezeit

Gibs mir, Leben

»Yanlış yoldasın!«, sagt die Mutter zur Tochter. Du bist auf dem falschen Weg. Immer und immer wieder. Dann bricht die Tochter aus. Weg von Zuhause, von der Mutter, vom Vater, von Ehre, Stolz, Würde. Sie sucht ihren eigenen Weg.

Ceylan Yildirim · Dummy · 30  Minuten Lesezeit

 Satz der Woche 


»Er wurde Elektriker, versuchte andere Jobs und fand dann auf der Suche nach einer Techno-Location dies hier: das riesige, leer stehende Kühlhaus, 1954 in der DDR gebaut, 1993 in der BRD stillgelegt, voller Schutt, dreckig, Fenster kaputt, alles kaputt.«

Elsa Koester in ihrem Text »Die Stadt ist grün« im »Freitag«

Wie haben Sie das gemacht?

Die Journalistin Katrin Blum hat mit uns über ihren Text »Aus den Augen« gesprochen. 2019 wurde sie dafür als beste freie Reporterin ausgezeichnet. Sie wurde an der Deutschen Journalistenschule ausgebildet und lebt in Berlin.

Liebe Katrin, in deiner Geschichte »Aus den Augen« schreibst du über Mićo, einen Schlaganfallpatienten. Du bist dabei, als seine besten Freunde ihn nach Jahren zum ersten Mal besuchen, um mit ihm Basketball zu spielen. Wie bist du auf die Geschichte gestoßen?

Ich kenne Mićo aus meiner Jugend. Wir hatten einige Zeit den gleichen Freundeskreis, waren aber nie besonders eng befreundet und hatten später auch keinen Kontakt zueinander. Von seinen Schlaganfällen wusste ich trotzdem. Und ich wusste, dass nur wenige Menschen ihn nach dem dritten Schlaganfall besuchten. Als ich dann mitbekam, dass die Jungs als Gruppe zu ihm fahren wollen, habe ich sie gefragt, ob ich sie begleiten dürfe.

Die Recherche stelle ich mir schwer vor: Du hattest elf potenzielle Protagonisten, Mićo und zehn seiner Freunde. Wie hast du das vor Ort ganz konkret gemacht, dass dir keine Zitate oder Szenen entgangen sind? Hast du aktiv Fragen gestellt oder dich eher unsichtbar gemacht und einfach beobachtet?

Ich hatte sogar zwölf potenzielle Protagonisten, weil Mićos Schwester auch noch dabei war. Und ganz gewiss sind mir bei so vielen Menschen auch Zitate entgangen. Das finde ich persönlich nicht schlimm, weil allein das, was ich gehört und beobachtet hatte, schon sehr intensiv war. Ich hatte mir vorgenommen, mich an dem Tag auf zwei oder drei der Jungs zu konzentrieren. Dafür hatte ich mit allen vorher lange Gespräche über Mićo und die Beziehung zu ihm geführt. Vor Ort habe ich dann alle Pläne verworfen, weil ich gemerkt habe, dass ich den Jungs und der Dynamik an dem Tag nicht gerecht werde, wenn ich nur zwei oder drei von ihnen herauspicke. Ich habe also alle beobachtet, ihnen zugehört und ab und zu Fragen gestellt. Mein Aufnahmegerät lief außerdem den ganzen Tag mit. Am nächsten Morgen und in den Tagen danach habe ich ihnen dann gefühlt 1000 Fragen über das, was ich beobachtet hatte, gestellt.

War es schwer, Mićos Freunde zu überzeugen, dabei sein zu dürfen? Für sie ist die Geschichte nicht nur schmeichelhaft, sie haben über Jahre keinen Zugang gefunden zu ihrem Freund.

Nein, das war nicht schwer. Das liegt sicherlich daran, dass ich für die meisten von ihnen keine Unbekannte war. Und diejenigen, die mich näher kennen, wussten, wie wichtig mir ein empathischer und respektvoller Umgang miteinander ist.

Fiel dir das Schreiben der Geschichte leicht oder schwer? Warum glaubst du, war das so?

Der Prozess dorthin ist immer schwer, das tatsächliche Schreiben am Ende nicht. Das ist bei mir aber immer so, ich beschäftige mich wochenlang mit nichts anderem und denke permanent über die Geschichte nach. Dabei mache ich mir weniger Gedanken um die Struktur als um das, was mir wichtig ist, zu erzählen. Ich habe also alle Bänder abgehört, jedes Gespräch komplett transkribiert und hatte am Ende mehr als 100 Seiten Material, plus das, was in meinem Kopf war. Nach einer halben Ewigkeit ist dann ohne Plan der Text aus mir rausgeflossen. Wie das genau funktioniert, weiß ich selbst nicht.

Hast du Rückmeldungen bekommen von deinen Protagonisten?

Ja. Viel Freude, viel Dankbarkeit, viele Tränen. Und einer hat mich gebeten, irgendwann seine Grabrede zu schreiben. Jetzt muss ich ihn nur noch überleben.

Könntest du die Geschichte nochmal neu recherchieren und schreiben: Würdest du irgendwas anders machen?

Ich würde am Morgen der Reise mehr frühstücken.

Kamst du bei dieser Geschichte zu irgendeiner Erkenntnis übers Reportagenschreiben, die man aus deiner Sicht verallgemeinern kann?

Ja, aber die Voraussetzung ist, dass man genügend Zeit hat. Es ist zwar immer eine unfassbare Arbeit, alle Bänder abzuhören und zu transkribieren, aber ganz besonders bei dieser Geschichte habe ich gemerkt, wie sehr es sich lohnt, alles aufzunehmen. Das Abhören wirft mich immer noch mal in die Situation zurück. Ich erinnere mich dadurch an noch mehr Dinge. Und manchmal höre ich dann Geräusche oder Sätze, die mir während der Recherche entgangen sind. So war das beispielsweise in der Szene, als Nenad fünf Minuten vor Mićo sitzt, ohne ein Wort zu sagen. Ich war so sehr auf die beiden konzentriert, dass ich nicht mitbekam, wie zwei Pflegerinnen vor der Tür lachten und sich über das schöne Wetter unterhielten. Das habe ich dann erst auf dem Band gehört.