Wochenauswahl 13.03.20

Der König der Spione

Die Polizisten sagen, so etwas wie Murat Cem habe es noch nicht gegeben. Der Mann, bekannt als “VP01” sei der beste V-Mann gewesen, ein Naturtalent. Dann traf Murat Cem auf Anis Amri. Und verflucht heute den Tag ihrer Begegnung. 

Jörg Diehl, Roman Lehberger und Fidelius Schmid, Fotos: Marcus Simaitis · Spiegel · 45 Minuten (€)

Und in bösen Tagen

Eigentlich, sagt Tanja Kowalski, habe die Sache mit ihrem Mann sehr schön angefangen. Sie verlieben sich, haben Kinder. Dann bricht die Beziehung, er vergewaltigt sie, landet im Gefängnis. Trotzdem will Tanja Kowalski ihre Familie zusammenhalten, den Kindern einen Vater geben. Ihren Vergewaltiger. Wieso?

Andreas Unger , Illustration: Jörg Hartmann · Süddeusche Zeitung Magazin· 30 Minuten (€)

Bei Blendle lesen

Die Unsichtbaren

Sie lockten Anna mit einem Versprechen: gute Arbeit in Deutschland. Sie willigt ein, zahlt Geld an die Mittler. Hauptsache raus aus der Ukraine. Was sie nicht ahnt: Sie rutscht in eine Schuldenspirale und schuftet unter ausbeuterischen Bedingungen – in deutschen Unternehmen.

Pascale Müller, Eugen Shakhovskoy und Anna Schmidt · Buzzfeed News · 30 Minuten

Satz der Woche

»Die Kinder sind in der Schule, ihr Mann ist in Untersuchungshaft, der Einkauf erledigt, die Katzenstreu nachgefüllt.”

Andreas Unger in “Und in bösen Tagen” aus dem Süddeutsche Zeitung Magazin.

Wie haben Sie das gemacht?

Helena Wittlich ist Redakteurin im Innovation Lab beim Tagesspiegel. 2019 hat sie gemeinsam mit Lubena Awan, Andreas Baum, Michael Gegg, Sidney Gennies, Hendrik Lehmann und David Meidinger den Reporterpreis in der Kategorie Datenjournalismus für ihr Projekt „Wer profitiert vom Berliner Mietmarkt?“ gewonnen.

Der Berliner Mietmarkt ist deutschlandweit bereits fast sprichwörtlich geworden. Nun habt ihr aufgedeckt, dass die sieben großen Immobilienunternehmen tief verstrickt sind mit dem Finanzwesen, auch international. Was war die Grundlage dieser Recherche?
„Wem gehört Berlin?“ war eine gemeinsame Langzeitrecherche mit Correctiv. Die haben einen sogenannten Crowd Newsroom etabliert. Hier konnten uns Bürgerinnen und Bürger mit Hilfe einer Online-Maske die Eigentümer ihrer Wohnungen mitteilen. Das lässt sich nämlich in Deutschland nicht öffentlich einsehen. Wir haben tausende Einträge bekommen. Die Daten haben wir dann alle einzeln gecheckt. Und zwar händisch. Die Leute konnten in der Maske auch Belege hochladen, Nebenkostenabrechnungen oder Mietverträge. Die haben wir uns ebenfalls angeguckt.

Bei welchem Immobilienkonzern mietest du selbst?
Ich habe Glück und lebe in der Wohnung eines Verwandten, die ich von ihm miete. Klar habe auch ich manchmal Ärger mit der Hausverwaltung. Aber das gehört wahrscheinlich einfach dazu.

Eure Geschichte bietet nicht nur eine großartige grafische Aufbereitung, sondern auch ein überraschendes Storytelling. Am Ende erfahren wir, dass Kleinanleger, Versicherte, Beamte – eigentlich fast alle – mit in dem großen Geflecht aus Profiteuren stecken, die von der Explosion der Berliner Mietpreise leben. War euch das von Anfang an klar?
Nein. Anfangs wollten wir nur wissen, wem die Wohnungen wirklich gehören. Bald haben wir dann die ersten Firmenkonstrukte aufgeschlüsselt. Und dann, als die Debatte über Enteignungen noch ganz frisch war, kam uns die Idee, weiter zu recherchieren, wer hinter den großen Eigentümern steckt. Das sind ja wiederum auch alles Firmen, bei denen relativ unklar ist, wie diese Strukturen funktionieren, wer dahintersteckt. So entstand die Frage, wer davon eigentlich profitiert.


Wie habt ihr euch die Arbeit in der Gruppe dann aufgeteilt?
Meine Hauptaufgabe war die Recherche. Michael Gegg und David Meidinger haben sich um die Webentwicklung und Datenvisualisierung gekümmert. Außerdem haben sie zusätzlich in anderen Datenbanken recherchiert. Andreas Baum hat mit mir weitere Hintergründe
recherchiert. Wir hatten zu der Zeit noch eine Google-News-Fellow, die die Gestaltung übernommen hat. Sidney Gennies hat die Printproduktion und Redigatur übernommen. Und Hendrik Lehmann hat koordiniert und sich darum gekümmert, dass eine stimmige Online- Story aus den ganzen Darstellungsformen wird.


Gab es Wendepunkte in der Recherche? Momente, in denen ihr gemerkt habt: Ab hier müssen wir umdenken?
Der Wendepunkt war, als wir Gemeinsamkeiten zwischen den sieben großen Immobilienkonzernen in Berlin feststellen konnten, etwa bei den Anteilseignern. Bei den Aktienunternehmen verstreut sich die Kette der Anteilseigner immer weiter. Man dringt immer tiefer in die Finanzwelt ein. Doch letztendlich sind oft die gleichen Finanzunternehmen die größten Anteilseigner.


Kannst du sagen, was für dich die größte Überraschung war?
Die Erkenntnis, wie viele Verbindungen es zwischen Versicherungen, Rentenversicherungen, Lebensversicherungsanbietern und diesen ganzen Finanzprodukten gibt, die zum Beispiel BlackRock auf den Markt bringt. Und wie sich das dann mit uns allen vernetzt. Ursprünglich war es nur eine Vermutung von uns, dass auch viele Mieter da irgendwie dran beteiligt sein könnten. Als sich dann gezeigt hat, dass diese Immobilien- Aktienunternehmen überall Anteilseigner haben, hat mich das erschrocken.


Also die Tatsache, dass man wahrscheinlich selbst mit in diesem Geflecht drinsteckt?
Genau. Die Wahrscheinlichkeit, selbst an einem Finanzprodukt beteiligt zu sein, das Aktien von Immobilienunternehmen hält, ist wahnsinnig hoch. Zum Beispiel, wenn man eine Lebensversicherung oder Riesterrente abschließt. Als Verbraucher ist es schwierig, das herauszufinden. Da gibt es keinen Disclaimer, keine Warnung.


Das klingt nach einer wahnsinnigen Recherche.
Manche Finanzprodukte machen das transparent, in Geschäftsberichten oder einem Produktheft. Bei anderen muss man sich das zusammenstückeln über Umwege, Pressemitteilungen, Unternehmensbeteiligungen. Das ist super individuell und deshalb auch schwierig. Es gibt kein Schema F, man muss bei jedem einzelnen Fall unterschiedlich recherchieren.


Habt ihr die Leute dann auch mit euren Erkenntnissen konfrontiert?
Ich habe mit fünf oder sechs Mieterinnen und Mietern gesprochen, die bei einem der Konzerne wohnen. Die Schwierigkeit war, dass wir erst mit denen sprechen mussten, um herauszufinden, welche Altersvorsorge sie haben, dann checken mussten, ob die Altersvorsorge mit drinhängt und dann nochmal mit den Menschen sprechen mussten, um sie damit zu konfrontieren.D

Das Interview führte Robert Hofmann